|
|
|
|
Sommeliers bleibt bei euren Leisten! Sommeliers sollen den Weinkeller eines Restaurants pflegen und die dort gehorteten Schätze ihren Gästen zugute kommen lassen, sie empfehlen, interpretieren und natürlich verkaufen. Das ist ihre eigentliche Aufgabe. Sie sind die Diener dreier Herrn: des Weins, des Patrons und des zahlenden Gastes. Stattdessen mutieren immer mehr Wein-Naseweise gehätschelt von der Zulieferindustrie und den diversen Weinbauverbänden bereits im jugendlichen Alter, kaum die Schalen auf den grünen Zungen abgestreift, zu Stars, zu Welt- oder wenigstens Europameistern, Beratern, Kolumnisten und Buchautoren. Sie gründen Agenturen, gehen auf Tournee, treten pausenlos plappernd im Fernsehen auf und vernachlässigen dabei zwei Grundtugenden ihres Berufstandes: den Dienst am Gast und die Demut vor dem Wein. Nichts dagegen, dass eine gestandene Streiterin für den guten Geschmack wie Paula Bosch in München nach jahrzehntelanger Arbeit am Gast Bücher mit Weinempfehlungen schreibt. Und eine von Toni Viehhauser in Hamburg organisierte Raritätenprobe ist allemal ein Hochgenuss. Zu den Tugenden des Sommeliers gehört vor allem auch die Beständigkeit. Stattdessen üben sich die meisten heute im Jobhopping. Die wenigen bedeutenden Sommeliers, die wir haben wie Kai Schattner (Ente vom Lehel) oder Michael Harmann (Sansibar) wirken dagegen seit Jahren an gleicher Stelle. Ihr Ruhm basiert nicht auf Selbstdarstellung sondern auf dem Kunstwerk Weinkeller, das sie verwalten. Marcus del Monego war 1998 Weltmeister der Sommeliers. Der erste aus Deutschland, der dies geschafft hat. Seither schlachtet er diesen Titel gewinnbringend für sich aus. Dies sei ihm von Herzen gegönnt. Aber, wenn man die Gazetten, die er vor seinen Karren spannt, liest oder die PR-Texte seiner Kunden, dann muss man zu dem Glauben kommen, es habe überhaupt jemals nur einen einzigen Sommelierweltmeister gegeben, nämlich Markus del Monego und der residiere für immer und ewig. Bitteschön, er ist wenigstens Ex-Weltmeister oder korrekter ein Sommelier, der vor Jahren einmal Weltmeister seiner Zunft war. Mehr nicht. Und welchen unvergleichlichen Weinkeller hat er als Lebensleistung aufgebaut? Die schnell durchgehandelte Business-Ware der Lufthansa. Da lese ich in einer Presse- mitteilung: „In ihrer Kolumne in der Frauenzeitschrift „Brigitte“ hat sich Star-Sommelière Natalie Lumpp als Gutedel-Anhängerin bekannt: „Der absolut universelle Wein ist der Gutedel!“ Er sei leicht, unkompliziert, schmecke zu jeder Tages- und Nachtzeit und sei der perfekte „Reparaturwein“ nach einem Abend mit vielen sehr guten, schweren Weinen . . . Sommerwiesenduft und nussiges Aroma erlauben ihm unbeschränkte Einsatzmöglichkeiten – vom Aperitif bis zum Begleiter einer Linzertorte.“ Ich hoffe nur, dass sie das so nie geschrieben hat, sondern dass dieser Schwachsinn aus der Feder eines PR-Dichters stammt und ihr - gegen ein saftiges Honorar versteht sich - in den Mund gelegt wurde. Deshalb mein dringender Rat: Sommeliers bleibt bei Euren Leisten! Mario Scheuermann
Vorsicht, Karaffeninflation E ines vorweg: echtes Dekantieren, also das fachlich korrekte Trennen von Depot und Wein, ist eine vernünftige Sache. Allerdings setzt es voraus, dass der edle Tropfen auch tatsächlich ein Depot hat. Wenn Flasche und Karaffe dabei auch noch gekonnt und elegant gehandhabt werden, kann es auch ein ästhetischer Genuss sein, dem Sommelier dabei zuzusehen. Das heute allerdings landauf landab selbst im aufgepeppten Dorfgasthaus zur Manie gewordene permanente Umfüllen (oder besser gesagt Umschütten) von Allerweltsweinen in edles Kristall dient nur den Herstellern dieser dekorativen Luxusbehälter, ohne dass es in irgendeiner Form den Genuss erhöhen würde. Aber, so höre ich immer wieder von einsichtigeren Sommeliers, „der Herr Doktor und Gnä´ Frau“ möchten das so haben. Wein und der vermeintlich connaisseurhafte Umgang damit ist eben Teil dessen geworden, was man lifestyle nennt und mit Trinkkultur wenig zu tun hat. Da wird dann der kleine 93er Cru Bourgeois feierlich im Körbchen an den Tisch getragen, zeremoniell entkorkt und über der brennenden Kerze vorsichtig umgefüllt. Fehlt nur, dass der Service den Choral „Grosser Gott wir loben Dich“ anstimmt. Wozu der Aufwand? Nur um die Höhe des Preisaufschlags zu rechtfertigen? Depot hat dieser Wein keins. Trinkreif ist er allemal. Die Mehrzahl der Restaurants bietet heute ihren Gästen vernünftigerweise sogenannte trinkreife Weine an und keine über Jahrzente gelagerte Bordeaux. Leider sind es oft schnell trinkreife Weine. Derart kurzlebige, zurechtgeschönte und filtrierte Produkte der modernen Weinindustrie muss man weder dekantieren, noch karaffieren sondern einfach nur öffnen, kurz atmenlassen und dann geniessen solange noch was zum geniessen da ist. Andererseits werden junge, alkoholreiche Riesling, Erste Gewächse vom Rhein oder ein Wachauer Smaragde, in ein viel zu schlankes, völlig ungeeignetes Glas gezwängt, worin er sich nicht entfalten können. Dabei wäre ein weiter Burgunderpokal viel besser und es wäre durchaus auch angebracht diesen Wein vorher zu karaffieren, um ihm ein Optimum an Luft zu geben. Auch Champagner, die demi sec oder doux gefüllt wurden, sollt man dieses Procedere angedeihen lassen. Sie werden dadurch weiniger und. Doch dies macht „man“ alles nicht; denn der imaginäre “Wein Knigge“ sieht dies für weisse und für schäumende Weine nicht vor. Mir scheint, es ist noch ein weiter Weg, bis aus Pinot-grigio-Experten echte Weinkenner und aus Kellnern versierte Sommeliers geworden sind. Mario Scheuermann
|
|
||||||||
|
e-Mail:
info@degustation.de Datum der letzten Aktualisierung: 03.09.2010 |