Das Millenium-Jahr
Es waren turbulente Tage, von denen diese
Tagebuchnotizen erzählen. Damals in den letzten Wochen des März 2001, als
die ersten Fassmuster des Milennium-Jahrgangs 2000 gezeigt wurden.
In dieser kurzen Zeitspanne wandelte sich die
zunächst zögerliche Gespanntheit in eine Art euphorisches Plasma , das sich
schliesslich in einer so noch nie da gewesenen Preishype entlud. Dieser Urknall
sprengte alle Systeme: Preis, Klasse, Stil. Aber wie wir heute wissen: In
Bordeaux tanzten wir damals alle auf dem Vulkan.
Es kam der 11. September, der Tiefe Fall der
Börse, wirtschaftliche Krisen, Terror und Krieg. Doch davon später.
Le rodeo des
grands crus
Tagebuch einer Primeurkampagne
Freitag, 23. März 2001
Vor dem Start. Erste
Preistendenzen.
Wenige Tage vor Beginn der
Primeur-Kampagne für den Jahrgang 2000 ist heute am Platz Bordeaux das erste
namhafte Château mit dem Preis für den Millenium-Jahrgang 2000 auf den Markt
gekommen. Den Anfang machte Château Quinault, das im Gegensatz zu einigen
weniger bekannten Gütern, die ohne Preisaufschlag auf den Markt gehen, den Preis
um drei Prozent gegenüber dem Vorjahr angehoben hat.
Thierry Gardiner (Château Phélan-Segur)
erwartet, dass die Preisaufschläge im Schnitt bei zehn bis 15 Prozent liegen
könnten. Bei den Premier Crus gilt allerdings bereits jetzt als sicher, dass sie
mit einem Preisaufschlag von mindestens 20 Prozent kommen werden.
René Lambert vom Handelshaus C.V.B.G /
Dourthe Kressmann hält dies für realistisch und für am Markt platzierbar.
Sonntag, 25. März 2001
Ein Tag mit Jean Marc Maugey
Flug nach Bordeaux. Jean-Marc Maugey
erwartet mich am Flughafen mit Nadja, seiner marokkanischen Frau und Söhnchen
James, ein gerade elf Monate alter dunkelgelockter Wonneproppen,
quietschvergnügt für den ganzen Rest des Tages.
Milde feuchte Frühlingsluft, der Geruch
von Salz und Meer. Die Natur ist sehr weit vorne. Magnolien und Mimosen blühen
bereits, auch die Rhododendren, aber die Weinberge befinden sich Dank einiger
Frosttage im Januar in ihrem normalen Jahresrhythmus. „Doch“, so Jean Marc, „es
war wieder ein sehr milder Winter nur zwei Mal hatten wir ganz kurz Frost im
November und im Januar.“
Er wird seine Preise mit dem 2000er
Jahrgang um 20 Prozent erhöhen. 300 FF sans taxe für den roten und 200 FF für
den weissen. Der 98er ist komplett ausverkauft inkl. aller Grossflaschen. Drei
Märkte: Hongkong, Deutschland und Österreich.
Für das „kleine“ Mittagessen haben sich
die beiden mächtig ins Zeug gelegt. Erst gibt es Lamproie (Neunauge) à la
bordelaise von Jean Marc gekocht nach einem Rezept seiner Grossmutter Camille,
die am 11. Februar ihren 100. Geburtstag feiern konnte (Vor 18 Jahren hat
Wolfram Siebeck anlässlich des Festschmauses zu Jean Marcs 18. Geburtstag
bereits ihre Kochkünste im "ZEIT Magazin" ausführlich gewürdigt). Sieben bis
acht Stunden braucht dieses Gericht, vier Stunden allein für den Fond mit
Sellerie, Karotten, Fenchel und drei Liter Rotwein. „Aber nur mindestens zehn
Jahre alten, sonst wird die Sauce sauer und bitter“, so Jean Marc.
Anschliessend tischt Nadja eine
marokkanische Tajne auf Rindfleischbällchen in einer wunderbar würzigen
Tomatensauce mit Karotten, Champignons und Paprika in einem Tongeschirr
geschmort, das dem Gericht einen rauchigen „gout de terre“ verleiht.
Der 2000er von Château Maugey ist ein
Meisterstück, der beste Wein, den Jean-Marc bis jetzt gemacht hat. 25 hl/ha.
Ende September gepflückt, satte 13 % Vol. Alkohol und erstmals auch eine
reichliche Menge von 16.000 Flaschen. Er wird erst 2003 auf den Markt kommen,
nicht vor dem 15. April, also nach drei Wintern im Barrique.
Der 97er: jetzt ein sehr angenehmer,
recht zugänglicher Wein. Bei den Jahrgängen 1998 und 1999 werden wir uns nicht
einig. Er bevorzugt den zugegeben etwas strukturierter wirkenden 98er, der auf
mich etwas zu spröde wirkt. Während ich den opulenteren 99er leicht vorziehe.
Jean-Marc:“Der schmeckt wie ein Pomerol.
In vier, fünf Jahren wirst Du sehen, dass ich Recht habe.“ Kann sein, aber der
99er liegt noch im Fass und ich bin gespannt, wie er sich weiter entwickelt. Zum
Abschluss der Probe wieder so eine seiner typischen schlichten Winzerweisheiten:
„Der Wein ist Zeit; denn sie macht den Wein.“
Am Nachmittag treffen Ruth und Jürgen
Herrnberger ein, begleitet von René Lambert. Wir planen den morgigen Tag, der um
8.30 Uhr auf Château La Mission Haut Brion beginnen wird. Jean-Marc empfiehlt
uns ein Restaurant, das wir noch nicht kennen, ganz in der Nähe von Salleboeuf,
wo wir auf Château de la Tour unser Domicil für diese Woche aufgeschlagen haben:
„L`Atmosphere“ in St-Germain-du-Puch.
Ein kurioser, aber äusserst charmanter
und witziger Laden, vorne ein Bistro, dessen Wände vollgepflastert sind mit
alten Emaillereklamen, eine antike Benzinzapfsäule, ein laufender Fernseher mit
Grossbildschirm. Unübersehbar - das Vereinslokal des örtlichen Fussball-Clubs.
Daneben ein stimmungsvolles ländliches
Restaurant, das sich an diesem Abend schnell füllt, mit Pizzaofen und grossem,
offenem Kamin in dessen Feuer Hühner und riesige T-Bone-Steaks gegrillt
werden, am Knochen, trotz BSE. Unsere Vorspeise „Gambas mit Paprika und
Tintenfischstücken in einer Tonkasserolle gegart“ ist nachahmenswert. Mein
Hauptgang Kalbsnieren mit Bratkartoffel und grünem Salat mit einer cremigen
Vinaigrette: comme il faut.
Montag,
26. März 2001
Auftakt bei La Mission Haut
Brion - Grossartiger Margaux, schwacher Mouton.
Besuch beim "Gaucho" Jean-Michel
Arcaute - Michel Rollands Volltreffer.
Unser Tag beginnt heute früh auf
Château La Mission Haut-Brion. Und zwar um 8.30 Uhr. Peter Moser vom Falstaff
aus Wien stösst zu uns, der sich sichtlich freut, dass Jörg Haider bei den
Wiener Kommunalwahlen einen Denkzettel bekommen hat. Peter wird uns an diesem
Tag begleiten, auf den wir alle so gespannt gewartet haben.
2000 – der Milleniumjahrgang. Früh,
viel zu früh von Heinz Horrmann in der „Welt“ bereits verdammt und begraben in
einer Art und Weise, die einer seriösen Tageszeitung nicht würdig ist, dann eher
gedämpft von einigen Auguren rehabilitiert und in den letzten Wochen immer
weiter hochjubiliert.
Unter der Headline „Prädikat:
enttäuschend“ hatte Horrmann dreispaltig auf Seite eins der „Welt“ den geneigten
Lesern erklärt, „Warum es dem französischen Weinjahrgang 2000 an Klasse fehlt.“
Wohlgemerkt. Ohne auch nur ein Muster verkostet zu haben, bescheinigte er in dem
Artikel dem Bordeaux-Jahrgang 2000 eine „relativ frühe Trinkreife“. Über den
Primeurmarkt hiess es: „Mit Subskriptionen werden die Geniesser darum vorsichtig
sein. Das grosse Blindbuchen wie beispielsweise beim 90er findet nicht statt.“
Am Ende dieses Tages werden wir bereits wissen: Selten hat sich auf diesem Feld
jemand so grandios geirrt.
Der erste Eindruck an diesem Morgen ist
allerdings konsternierend. Die beiden Geschwister-Châteaux in Pessac zeigen eine
gute Performance, aber auch nicht mehr und auf jeden Fall unterhalb des
zugegeben grandiosen 99er Haut Brions. Dies lässt aber kaum ein Schluss auf das
gesamte Bordelais nicht mal auf die beiden Appellationen Graves und
Pessac-Leognan zu; denn Haut-Brion und La Mission Haut Brion, die heute völlig
von der Stadt umgeben sind, verfügen mittlerweile über ein so eigenständiges
Mikroklima mit einem signifikant abweichenden Wärmehaushalt, dass es angebracht
wäre ihnen eine eigene Appellation zuzubilligen.
Doch dann – nur eine Stunde später -
ein erster Paukenschlag: Le Pavillon rouge von Château Margaux. Das soll ein
Zweitwein sein? Unfassbar! Für die meisten Mitbewerber wäre dies bereits der
Grand Vins! Und dann er Château Margaux selbst. Monsieur Pontallier ist
sichtlich vergnügt, als er ihn uns kredenzt und unsere spontane Begeisterung
registriert. Es dürfte der beste Margaux der Dekade sein, wenn nicht der letzten
20, 30 Jahre. Dieser Wein ist wirklich „very closed to perfection“. Noch mal
einen winzigen Tick über dem phantastischen 99er, den wir ebenfalls probieren
und der alle Versprechungen des Fassmusters aus dem vergangenen Jahr einlösst.
Spätestens aber bei der dritten Station
dieses Tages wird unsere Euphorie wieder gedämpft. Im Verkostungssaal von Mouton
holt man uns unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück. Mit dem 2000er setzt
Mouton die Reihe seiner schwächelnden Jahrgänge fort. Ich bin gespannt ob James
Suckling diesen Wein auch wieder so hochjubeln wird, wie letztes Jahr. Was man
uns vorsetzt ist wirklich nur noch etwas für Etikettentrinker: dünn, sauer,
unspirierend. Weit davon entfernt das Prädikat Premier Cru zu verdienen. Aber es
wäre natürlich nicht das erste Mal, dass Mouton sich bis zur Veröffentlichung
des Weines irgendwie aus der Affaire zieht. Danach folgt Lafite mit einer sehr
guten, aber keineswegs begeisternden Qualität.
Mittagessen im Restaurant Le Canoe beim
kleinen Fischereihafen von Port de Goulée . Das menu ouvrier kostet 62 FF und
beinhaltet vier (!) Gänge, eine Gemüsevelouté, Paté bzw. Rognons a la madère,
ein halbes Hühnchen bzw. ein Fischfilet vom Tagesfang danach Käse oder Dessert.
Danach besuchen wir Rolland de By und Haut Condissas ganz draussen an der
unteren Spitze des Médoc.
Ein eigenwilliges Terroir, das immer
wieder bemerkenswerte Weine hervorbringt. "Pez et By" wäre doch ein schöner Name
für eine Appellation. Ich diskutiere das spät am Abend mit Jean-Marc, der auch
meint, dies sei ein eigenständiges Terroir St.Estephe nahe verwandt, aber eben
doch eigen. Auf dem Weg zurück nach Salleboeuf noch ein Abstecher bei Château
Cambon La Pelouse, meiner Entdeckung des letzten Jahres. Ein hochmoderner
Betrieb in Macau gleich zum Beginn der Route de Médoc linker Hand. Der 2000er
präsentiert sich gut, nochmals ein bisschen über dem 99er, der damals für mich
einer der besten Cru Bourgeois war.
Zum Abschluss geht es nach Château
Sansonnet in Saint Emilion. Jean Michel Arcaute ist da mit seiner jungen
argentinischen „Gaucha“ wie er scherzhaft meint und seiner acht Monate alten
Tochter Valentina. Er wirkt noch energiegeladener als sonst, hat sichtlich
abgespeckt und Spass an seinem neuen Leben in den Pampas. Erster Eindruck der
Pomerol-Weinen: weich, süss, charmant, aber es fehlt meist an der für einen
grossen Jahrgang nötigen Tiefe. Ausnahme: Le Bon Pasteur.
Doch noch erwartet uns eine weitere
Überraschung am Ende eines langen Tages : Le Défie de Fontenil, der deklassierte
Fronsac von Michel Rolland. Zur Erinnerung: der Wein muss ohne Appellation
verkauft werden, da Rolland, den Boden des Weinbergs mit Plastikplanen vor
Regenfällen geschützt hat. Besseres habe ich aus dieser abseitigen Region noch
nicht getrunken. Was für ein wunderbar geschmeidiger, eleganter und doch
vollfruchtiger Wein. Ein Fronsac kann also doch auch opulent daherkommen und
muss nicht immer kantig und eckig sein. Das wird man ihm aus den Händen reissen
und die Bordelaiser Autoritäten sind mal wieder blamiert und an der Nase
herumgeführt. Sie haben genau das Gegenteil erreicht von dem, was sie erreichen
wollten. Jetzt hat auch Bordeaux einen ersten Luxus-Tafelwein und das auch noch
aus Fronsac. Wohin das führen kann haben wir ja in der Toskana gesehen.
Der Abend klingt aus – wie schon
gestern – im L`Atmosphère diesmal mit einem deftigen Salade morue (Stockfisch
und Kartoffeln) und Pizza mit hauchdünnem Teig belegt mit Chêvre und lardon fumé.
Erstes vorsichtiges Fazit an diesem
Tag: der 2000er ist wohl kein durchgehend brillanter Millesime, sondern wieder
ein Jahrgang mit Licht und Schatten, Höhen und Tiefen. Der Margaux ist sicher
einer der ersten ganz grossen Weine des 20. Jahrhunderts. Die Parallele zu 1900
Margaux, dem Jahrhundertwein, drängt sich da natürlich auf. Ob er diese Klasse
wirklich erreichen wird? Wer will schon wagen, dies abschliessend zu beurteilen?
Beim Rothschild-Flaggschiff aber muss man jetzt endgültig die Schicksalsfrage
stellen: Quo Vadis Mouton?
Dienstag, 27. März 2001
Überraschend gute Cru
Bourgeois im Médoc. Erster Besuch bei Jean-Luc Thunevin.
Die "verbotenen Weine"
aus Saint Emilion und Fronsac.
Wieder so ein anstrengender, langer,
langer Bordeauxtag. Aber erlebnisreich. Wir beginnen morgens um 9.30 in Pauillac
und arbeiten uns im Laufe des Tages bis nach Saint. Emilion vor; d.h. wieder gut
300 km, fünf Stunden im Auto, mindestens zweimal Stau auf dem Pont d´Aquitaine.
Pauillac präsentiert diesmal auf Grand
Puy Ducasse. Das Château ist in einem alten Palais direkt an der Hafenpromenade
von Pauillac gelegen. Der Verkostungsraum ist eng und so voll wie ich es noch
nie erlebt habe. Alle sind heute früh schon auf den Beinen: Georg Mauer aus
Berlin, Heiner Lobenberg aus Bremen, Lars Damgaard aus Kopenhagen – die ganze
Bande ist schon da. Wie ein grosses Familientreffen.
Es sind soviel Käufer, Händler,
Sommeliers wie noch nie zuvor. Über 4000 – statt wie sonst üblich 2.000 bis
2.500 haben sich in diesem Jahr für die Primeurkampagne angemeldet. Da sieht
man mal was ein guter Jahrgang in Verbindung mit der ausklingenden
Milleniumeuphorie bewirken kann. Da geht mir durch den Kopf: Wenn die
tatsächlich alle kaufen, wo gehen dann die Preise hin? Der Saal schwirrt von
Tipps und den neuesten Gerüchten.
Unsere Favoriten der ersten
Verkostungsrunde sind eindeutig: Pichon Baron, so grossartig wie schon lange
nicht mehr, dann ein eher eleganter, aber excellenter Lynch Bages und vor allem
die Leoville-Güter Poyferré und Barton sowie daneben Langoa Barton, alle drei
grossartig. Auch Lagrange ist beeindruckend. Beychevelle – das schon so oft zu
meinen Lieblingen zählte – enttäuscht mich dagegen an diesem Morgen, ebenso wie
Branaire.
Der Wine Spectator hat sich nicht an
die Bitte der Union des Grands Crus gehalten, während der Woche keine Notizen zu
veröffentlichen, und ist auf seiner Website bereis mit den ersten Bewertungen
erschienen: u.a. Lynch Bages und Rauzan Ségla mit 95 - 100 Punkten. Die Tische
der beiden Güter sind sofort noch stärker frequentiert. Die Margaux Präsentation
findet in diesem Jahr bei Rauzan Ségla statt und bis Mittag weiss es jeder. Auf
dem Château herrscht fast Belagerungszustand, als wir es erreichen ist es von
einer chromblitzenden Wagenburg förmlich umzingelt.
Doch vorher gab es beim Besuch auf
Château Fonréaud noch eine Riesenüberraschung.
Hier
präsentieren Médoc, Haut-Médoc, Listrac, Moulis etc. u.a. zahlreiche Cru
Bourgeois.
Im
vergangenen Jahr war dies eine Art Gruselkabinett mit vielen schwachen, ja
scheusslichen Weinen. Diesmal ist gleich das erste ein Volltreffer: La Tour de
By. Der letzte Wein dieses Kalibers liegt mehr als zehn Jahre zurück. Dicht,
strotzend vor Brombeerfrucht und vor allem tanningeladen. Wow! Doch das ist
nicht die einzige Tanninbombe im Saal. Es ist eine Gleichmässigkeit auf einem
guten bis hohen Niveau, wie ich sie hier noch nie erlebt habe: La Tour Carnet,
Malescasse, Belgrave, auch Château Clarke und natürlich Poujeaux, Chasse Spleen
und vor allem Maucaillou mit seiner würzigen Türkischmoccanase.
Letzte Station des Vormittages Château
Rauzan Ségla. Hier treffen wir u.a. Magister Andrä Vergeiner aus Lienz, Karl
Dörfler aus Aachen, Franz Messeritsch, den Sommelier des Ana Grand Hotels in
Wien. Die Noten für den Wein des Hauses haben sich schon herumgesprochen.
Regisseur John Kolassa macht entsprechend aufgeräumt seine Honneurs.
Zum rustikalen Mittagsbüffet mit
Blutwurst, Paté und Entensülze gibt es 89er Rauzan Segla, ein jetzt
vorzüglicher, fast trinkreifer Wein. Jürgen und Ruth haben noch 49 Flaschen
davon. Für 190 Mark steht er bei ihnen auf der Karte – ein Schnäppchen. Der 2000
von Rauzan Segla ist tatsächlich ein bemerkenswerter Weine, elegant, perfekt
strukturiert.
Ich probiere noch drei verschiedene
Echantillons des 2000ers. Der junge Mann am Präsentationstisch kommt jetzt kaum
mit dem öffnen der Flaschen nach, so gefragt ist jetzt dieser Wein. Ich sehe ihn
eher bei 94 Punkten, warte aber noch etwas mit der endgültigen Einschätzung. In
meinen Tasting Notes gibt es noch zwei weitere Highlights: Giscours und Cantenac
Brown.
Nach einem Abstecher zu Dourthe, wo wir
wieder mit Peter Moser und René Lambert zusammentreffen, brechen wir auf zum
rechten Ufer nach Saint Emilion. Unser Termin bei Jean-Luc Thunevin ist endlich
bestätigt. Wir queren die Brücke gerade noch rechtzeitig vor dem
Feierabendverkehr. In Château Grand Mayne lässt Peter seinen Wagen stehen, Die
trutzige alte Burg unterhalb von Saint Emilion wird sein Domicil für die heutige
Nacht.
Bei Thunevin ist noch mehr los als im
vergangenen Jahr. Neben der „Hexenküche“ des Labors, in dem er seine eigenen
Weine zeigt, gibt es diesmal einen kleinen salle degustation in dem sich
befreundete Winzer präsentieren sowie einige junge Talente und Newcomer, deren
Weine von Thunevin für seinen Vertrieb ausgesucht wurden, darunter natürlich
auch einige der Stars des vergangenen Jahres: Branda, Gracia und Croix de
Labrie. Alle drei sind in diesem Jahr noch besser gelungen als 1999 vor allem
der wundersüsse Gracia und der diesmal besser strukturierte Croix de Labrie.
Interessante Entdeckungen. Namen, die man sich merken sollte, weil man schon
bald über sie sprechen wird: Château Le Bernat, Karolus, Cuvée Jean Baptiste
von Château Franc Maillet.
Ortswechsel – vom petit salle in die
"Küche". Im Garten läuft mir Alvaro Palacios aus Gratallops über den Weg.
Beiderseits stürmische, weil total überraschte Begrüssung. Wie klein die
Weinwelt doch an solchen Tagen ist.
Thunevin hat seine Palette nochmals
erweitert. Herausragend neben Griffe de Cap d´Or und Andreas, die ihren Lorbeer
aus dem letzten Jahr nachhaltig rechtfertigen, vor allem Château Branon. Noch
nie gehört? Ich auch nicht. Aber was für ein Wein. Ein Pessac wie ihn dort
ausser Haut-Brion und La Mission niemand zustande bringt: dunkel, fast schwarz,
dickflüssig und brombeersüss, aber auch Toast ohne Ende. Dazu der
charakteristische Stall-Erde-Duft. Bravo!
Und dann die vier Wunderweine über die
inzwischen jeder spricht: Valandraud und Clos Badon mit ihren nicht
standesgemässen Geschwistern, den zu Tafelweinen deklassierten Selektion jener
Weinberge, die Thunevin auf Anraten von Michel Rolland mit Plastikplanen
abgedeckt hat, worauf die beiden bei der Union in Ungnade fielen. Das Ergebnis
gibt ihnen Recht: diese beiden L`Interdit genannten Weine sind Prachtgeschöpfe,
wahre Wunderwerke der Natur, die das Glück hatten, dass ihnen gegen die Torheit
der Funktionäre zwei begnadete Geburtshelfer zur Seite standen. Die Kollektion
bewegt sich für mich zwischen 95 und 100 Punkten. Sie ist so stark, dass ich sie
am Freitag nochmals probieren möchte, aber am Morgen mit absolut klarer,
sauberer Palette.
Im Gespräch mir Thunevin stellt sich
schnell heraus, dass er meine Einschätzung teilt: Die Supertuscans – oder besser
gesagt Ihre Idee – haben in Bordeaux ihren Einzug gehalten. Neben seinen beiden
L`Interdits, der Le Défie von Rolland und - er nennt mir den vierten im Bunde -
La Preuve par Carle, ebenfalls ein Fronsac. Thunevin:“ Unsere Authoritäten haben
nichts gelernt aus dem italienischen Beispiel. Sie machen die gleichen Fehler
wie die toskanischen DOC-Verwalter und verteidigen die Tradition an einer völlig
unnötigen und unsinnigen Stelle gegen den Fortschritt.“ So macht man aus
Modernisierern Revolutionäre. Aber das Ergebnis im Wein ist so überzeugend, dass
sie in Zukunft sicher genügend Nachahmer finden werden.
Am Abend als wir das Haus verlassen
trifft sich die Dreier-Bande – Thunevin, Rolland und Vauthier (Ausone) sichtlich
vergnügt und aufgeräumt zum Abendessen. Sie haben ihrer Legende einen weiteren
Glorienschein zugefügt und das Appellationssystem hat einen Schlag bekommen, der
seine Grundmauern erschüttern wird.
Auf ein kurzes Bier mit Michel Puzio,
dem weissgelockten Engel von Croix de Labrie, und Alvaro auf der Terasse des
Cafés "Le Médiéval" beim Parkplatz am Ortseingang, einem beliebten abendlichen
Treffpunkt. Eric Prisette (Rol Valentin) kommt herein mit Stéphane Derenoncourt,
dem Kellermeister von Canon-La-Gaffelière, beide ausgehfertig gechniegelt und
gebügelt.
Wir verabreden uns für den morgigen Tag
und fahren nach Bouilac, einen kleines Dorf oberhalb Bordeaux mit seiner still
in sich ruhenden romanischen Kirche und einem weitem Blick über die Stadt, jetzt
nach Eintritt der Dunkelheit ein flimmerndes Lichtermeer. Im "Bistroy" lassen
wir bei Lachs auf warmen Kartoffeln und kubanischem Reis mit Mergueze den Tag
ausklingen.
Nebenan sitzt René mit der
Einkaufsmannschaft von Air France. James Suckling vom Wine Spectator hält
sichtlich aufgeräumt Hof. Der liebenwürdige Paolo „Parker“ Pong kommt mir
entgegen und entschuldigt sich, dass er mir die Bilder von der Rodenstock-Probe
von vor drei Wochen in München noch nicht gemailt hat. Dort hat sich der junge,
gerademal 23 Jahre alte Weinkrieger aus Hongkong seinen „Kriegsnamen“ redlich
verdient, als er einen 59er Mouton blind herausroch- und schmeckte. Seither
nennen wir ihn scherzhaft „Parker“.
Mittwoch, 28. März 2001
5.000 Besucher und die
1.000-Francs-Parole. Schlag auf Schlag:
Angélus, Cheval blanc, Rol Valentin, Pétrus, L`Eglise-Clinet, La Mondotte,
Pavie... Doch am Ende des Tages heisst es
dann: Ausone über alles!
Wenn ich ein nächstes Fazit versuchen
sollte, dann vielleicht so: Pauillac gehört – komme was da wolle – sicher nicht
zu den Gewinnern des Jahrgangs 2000, auch nicht Pessac, aber die mittleren
Appellationen des linken Ufers wie Margaux und seine kleinen Nachbarn (Moulis
z.B.). Auch die Gegend um Pez e By sollte Beachtung finden. Und offensichtlich
mal wieder auf der Siegerstrasse: Saint Emilion, Pomerol, Fronsac, wobei 2000
wohl Saint Emilion die Spitze des rechten Ufers markieren dürfte. Heute
Nachmittag nach Pétrus, Ausone und Co. werden wir mehr wissen.
Erstmal wird es ein richtig hektischer
Tag. Soviele verschiedene Präsentationen hat es auf dem rechten Ufer noch nie
gegeben. Neben den beiden UGC Proben in La Pointe und auf Angélus gabs noch „Pomerol
Prestige“ auf La Croix, „Le Millésime 2000“ in La Dominique. Aber La Gomerie
gabs nur bei Beauséjour-Bécot, Pavie nur auf Pavie usw. usw..
Den ganzen lieben langen Regentag
rauschten die Convoys die engen Landstrassen von Pomerol und Saint Emilion hin
und her, rauf und runter. Mit dieser Zerstückelung – hier drei Weine, dort fünf,
dann mal zwanzig auf einen Schlag etc. kann man seinen solchen Event auch kaputt
machen.
Am Nachmittag verabschiedet sich Georg
Mauer mit seiner Crew zum Flughafen: „Es ist aussichtslos. Man kann ja doch
nicht alles probieren, wofür gibt es Journalisten.“ Ich kann ihn verstehen.
Inzwischen schätzt man die Zahl der Besucher eher auf 5.000. Wie die
Heuschrecken fallen die Einkäufer in diesem Jahr über Bordeaux her. Darunter
mischen sich aber auch immer häufiger private Weinliebhaber, die wer weiss wie
an eine Akkreditierung gekommen sind und sich jetzt genüsslich durchsüffeln mit
hochroten Köpfen, sichtlich erregt den Objekten ihrer Begierde so nahe sein zu
dürfen. Mit diesem Sündenfall hat die Union des Grands Crus eine gefährliche
Pandorabüchse geöffnet.
Auch die Preisdiskussion geht weiter.
Alexis Arcaute, Sohn von Jean-Michel Arcaute, erzählt mir den neusten Klatsch.
Demnach wollen die Premier Crus in diesem Jahr unbedingt die 1000 FF
Schallgrenze bei den Releasepreisen knacken. Einige Händler und Negociants, die
ich drauf anspreche halten das durchaus für möglich. Andere meinen, mehr als 800
Francs statt der 560 Francs (1.Tranche) bis 620 Francs (3. Tranche) aus dem
letzten Jahr sei nicht drin.
Doch der Reihe nach. Wir beginnen auf
Angélus, wo mir besonders der Wein des Hauses gefällt und vor allem auch
Troplong Mondot. Bei den Pomerolweinen auf La Pointe heissen meine Favoriten
L`Evangile, Conseillante, Beauregard.
Die grosse Enttäuschung ist für mich
Clinet. Monsieur Laborde distanzierte sich mit dem 2000er deutlich von seinem
früheren Partner Arcaute, ohne einen eigenen Stil gefunden zu haben. Dieser
schwerblütige Wein mit dem unsauberen Bukett von gerösteten grünen Paprika hat
zwar den Wine Spectator begeistert, mich aber lässt er kalt und ich finde auch
sonst niemand, der diesen Wein versteht oder gar goutiert. Hier geht leider
möglicherweise doch eine grosse Ära zu Ende. Der Wine Spectator ist, wie ich im
Internet lese, anderer Meinung. Möglicherweise „the best Clinet ever“. Das kann
ich auch nach drei verschiedenen Fassmustern beim besten Willen nicht
nachvollziehen.
Dann nähern wir uns langsam und
allmählich den Highlights des Tages.
Erst
eine kleine Präsentation auf Chateau La Dominique u.a. mit Les Grandes
Murailles, Grand Pontet, Clos Saint-Martin und Pavie Macquin.
Die vier haben in diesem Jahr wiederum
prachtvolle Weine geerntet.
Auf Cheval blanc treffe ich Alois
Kracher vom Neusiedler See und Gaja-Statthalter Willi Klinger. Grosses Hallo.
Auch Paolo Pong ist wieder da. Ähnliche Situation wie bei Margaux. Schon der
Zweitwein Petit Cheval schmeckt wie ein veritabler Grand Vin und Cheval blanc
selbst gehört zu den besten Jahrgängen der zweiten Jahrhunderthälfte,
vergleichbar dem 90er. Jetzt liegt auch hier unsere Messlatte verdammt hoch: 97,
98, 99... Mir wird klar: heute liegt etwas in der Luft!
Nach einem kurzen Mittagessen mit
Jean-Michel Arcaute, der uns nach Sansonnet eingeladen hatte, besuchen wir Eric
Prisette auf Rol Valentin. Der geht seinen Weg unbeirrt weiter in Richtung eines
richtigen grossen Saint Emilion. Sein Wein hat durch den Terroirwechsel einen
anderen Charakter bekommen. Früher war es eine Art Pomerol aus Saint Emilion.
Die fette Üppigkeit, die orientalische Würze, die heissen, gekochten Aromen sind
verschwunden, der Wein ist kühler, konzentrierter, komplexer. Vor allem auch
ernsthafter. Umso vergnügter der Weinmacher angesichts unseres Lobes. Auf dem
Weg nach Ausone probieren wir bei Monsieur Bécot noch La Gomerie – auch in
diesem Jahr wieder ein grosser Wein.
Auf Ausone machen die Bau- und
Restaurierungsarbeiten sichtliche Fortschritte. Neue Stützmauern werden
gerichtet, marode Gebäudeteile abgetragen und originalgetreu wieder aufgebaut,
Quadern aus dem fels geschnitten. Inmitten dieser riesigen Baustelle empfängt
uns Alain Vauthier in seiner kleinen Koststube, in der noch einige Kollegen
darunter Otmar Kiem und Michael Pronay ihre Notizen machen.
Zwei Gläser, zwei Weine: Moulin Saint
Georges und Ausone. Schon er erste ist ein Hammer. So gut wie noch nie! Aber
dann Ausone. Was für ein Wein!!! So müssen die grossen alten Ausones, die ich
kenne geschmeckt haben, als sie jung waren, fährt es mir durch den Kopf. Nach
einigen Überlegen, die Frage an mich selbst: Was könnte an diesem Wein noch
besser sein? Noch ein Schluck, nochmals riechen. Dann die Antwort: Nichts!
Aufforderung an mich selbst: Aber dann musst du ihm 100 Punkte geben. Die hat er
auch verdient. Er zählt ohne Frage zu den grössten Weinen, die dieses Gut je
hervorgebracht hat, steht in einer Reihe mit 1849, 1921, 1949.
Was sollen wir jetzt noch kosten? Kann
man das übertreffen oder wenigstens einholen? Um es kurz zu machen: Wir begegnen
an diesem Tag noch einigen sehr, sehr grossen Weinen – L`Eglise-Clinet, Pétrus,
La Mondotte, Pavie, Monbousquet, Pavie Decesse – aber keiner kann mit Ausone
2000 mithalten.
Am nächsten kommt ihm nach meiner
Meinung vielleicht Château Pavie. Andere halten ihn für überextrahiert. Aber
auch da bleibt ein Rest von Distanz. Ohne Le Pin, Vieux Château Certan und Le
Tertre Rôteboeuf probiert zu haben, die erst morgen an der Reihe sind, denke ich
doch, dass Ausone der Wein des Jahrgangs auf dem rechten Ufer ist. Vielleicht
sogar gefolgt von Margaux der Wein des Jahres. Beides sind Weine, die neben
ihrem Genusswert und dem spekulativen Potenzial auch eine historische Dimension
haben. Weine, die aus unterschiedlichen Gründen auf einem prominenten Platz in
die Geschichte der beiden Güter eingehen werden.
Zu berichten ist noch von einem
interessanten Gespräch mit Stephan Graf Neipperg auf Canon La Gaffelière. Auch
er hält das Vorgehen der INAO gegen Michel Rolland und Jean Luc Thunevin für
eine Eselei. Er selbst erwähnt auf dem Etikett von La Mondotte inzwischen nicht
mal mehr die Herkunft Saint-Emilion. Auch er ist der Meinung, dass all diese
neuen Nicht-Appellations-Weine mehr und mehr Nachahmer finden werden und am Ende
dem System von Bordeaux nichts anderes übrigen bleiben wird, als die verlorenen
Söhne und Töchter wieder zu vereinahmen. „Aber“, so Neipperg süffisant, „ nur zu
unseren Bedingungen.“ Man habe ihm in vertraulichen Gesprächen bereits
angeboten, La Mondotte, das ursprünglich als nicht klassifizierungswürdig galt,
aber heute einen der begehrtesten und teuersten Weine der Appellation
hervorbringt, jetzt doch als Grand Cru abzusegnen. Er habe dies aber abgelehnt,
da für dieses Superterroir aus seiner Sicht nur ein Status als Premier Grand Cru
in Betracht käme.
Donnerstag, 29. März 2001
Le Pin markiert die Spitze in
Pomerol - Der beste Latour seit 1961. Weitere Highlights des Tages: Ducru
Beaucaillou, Grand Puy Lacoste und Palmer.
Der Tag beginnt heute für uns etwas
später, und nach einer stürmischen Regennacht zunächst sehr schön sonnig und
mild am frühen Morgen, doch als wir das Hotel verlassen, kommt schon der erste
heftige Regenguss vom Himmel und diese überfallartigen Platzregen teilweise mit
Hagel verfolgen uns den ganzen Tag. Manchmal sieht man beim Fahren keine zehn
Meter weit.
Erste Station: Vieux Château Certan.
Auch in diesem Jahr wieder einer in der ersten Reihe der Pomerolweine. Anruf bei
Jacques Thienpoint, ob es möglich ist Le Pin zu probieren. Natürlich, wenn es
Ihnen nichts ausmacht, das zwei Kollegen von Ihnen dabei sein werden. Aber
kommen Sie bitte jetzt gleich. Von VCC nach Le Pin sind es nur wenig Hundert
Meter.
Als wir langsam auf den Hof fahren,
kommt Monsieur auch schon auf dem Fahrrad den Feldweg dahergeradelt und empfängt
und mit der jovialen Freundlichkeit eines weltläufigen Belgiers. Wir warten noch
auf meinen holländischen Kollegen Jan van Lissum und seine Begleitung.
Thienpoint bittet uns zwei Barriques
auszusuchen eins von der rechten Seite des Kellers und eines von der linken –
dann macht er daraus die Proben-Assemblage. Die längere Reihe rechts enthält das
Material aus dem Originalweinberg von Le Pin, den er 1978 gekauft hat, und links
die Parzellen, die 1986 erworben wurden. Der Wein ist schon im Bukett umwerfend
gut, eine solche komplexe Ansammlung unterschiedlichster Röstaromen – das kann
nur Le Pin in Bestform. Sicherlich ist es einer der besten, wenn nicht der beste
Pomerol des Jahrgangs.
Weiter nach Saint Emilion und auf gut
Glück – das heisst ohne Rendezvous - nach Tertre Roteboeuf. Francois Mitjavile
ist zu hause und begrüsst uns mit lauter Klassik in seinem
Bibliotheks-Wohnzimmer, in dem sich die Bücher stapeln. Mein „Wein Compass“
bekommt fürs erste eine Ehrenplatz ganz oben auf. Der anfangs eher technische
Sofaplausch schweift – wie meist bei Mitjavile - schnell in die Weinphilosophie
ab.
Warum reagieren Menschen so verschieden
auf den gleichen Wein bzw. warum versteht manchmal Weine nicht und lehnt ab, was
andere ganz toll finden? Mitjavile lächelnd:“Wenn Du ein enthusiastischer
Charakter bist, dann gibt es immer mehr gute als schlechte Weine für dich.“
Bei seinem 2000er Tertre Roteboeuf ist
das keine Frage.. Nach dem animalisch opulenten 99er mit seiner reichen Frucht
ist er einen stark vom Terroir gezeichneten nervigen Charakter. Erstmals gefällt
mir auch sein immer wider leidenschaftlich angepriesenes Lieblingskind Roc de
Cambes sehr gut. Wer hätte je gedacht, dass von der Cotes de Bourg ein solch
komplexer Wein kommen könnte.
Noch ein kurzer Besuch bei einer
erstmals stattfindenden kleinen Präsentation der Produzenten aus Monbazillac und
Jurancon im L`Atelier des Vins. Bruno Bilancini lässt uns das neue Cuvée Madame
von Tirecul La Gravière verkosten. Ein grosser, edler Süsswein, der es mit jedem
Sauternes aufnehmen kann. Erstmals gibt es von ihm auch einen trockenen Weine,
der schlicht Bilancini blanc sec heisst mit einer sehr feinen Aromatik, cremig
und weich.
Dann mal wieder eine der zahllosen
Überraschung dieser Woche. Bei der Domaine Cauhapé stehen die Muster von zwei
Jahrgängen der sagenhaften „Folie de Janviers“ auf dem Tisch. Das ist die
Steigerung der Quintessenz, die ich im „Wein Compass“ beschrieben habe. Sie wird
nur dann gemacht, wenn sich die Ernte bis in den Januar hineinzieht, was 1999
und 2000 der Fall war. Auch dies zwei Weine, die zu absoluten Weltspitze der
Dessertweine zählen.
Im jetzt schon strömenden, von scharfen
Böen gepeitschten Regen versuchen wir noch halbwegs pünktlich nach Pauillac zu
kommen, wo wir um 14.30 einen Termin bei Latour haben. Regen, Baustellen, Stau
und Ampeln machen das unmöglich. Wir handeln uns eine halbe Stunde Verspätung
ein, die wir heute nicht mehr loswerden, und das auf Châteaux, wo man besonderen
Wert auf pünktliches Erscheinen legt, wo die Termine im 30 Minuten Takt
zugeteilt werden. Unsere einzige Hoffnung: Bei diesem Sauwetter wird niemand
pünktlich sein können. Und so ist es denn auch.
Latour ist noch immer eine einzige
Baustelle. Man muss einer weiträumigen Umleitung kreuz und quer durch die
Weinberge folgen auf verschlammten Wegen kurven, um den Besucherparkplatz zu
erreichen. Wir entschuldigen uns artig für unsere Verspätung. „Macht nichts“,
meint die junge Hostess, um dann sehr bestimmt hinzuzufügen, „Sie können alles
probieren, aber Sie haben nur noch zehn Minuten Zeit.“ So streng sind hier die
Bräuche. Es werden dann doch ein paar Minuten mehr; denn die nächsten Besucher
lassen auch auf sich warten.
Latour 2000 - über diesen Wein ist in
den letzten Tagen immer wieder viel diskutiert worden und zwar sehr
widersprüchlich. Von Ablehnung bis Begeisterung reichten die Urteile, die ich
gehört hatte. Dieser Wein kann tatsächlich polarisieren und wird es auch in
Zukunft tun. So massiv, so hart und kantig habe ich noch selten einen jungen
Latour erlebt. Manche meinen, ein solcher Wein könne nie reifen. Latour hat uns
aber schon so oft das Gegenteil bewiesen. Gegen alle Bedenkenträger halte ich
ihn für den wahrscheinlich besten Pauillac diese Jahrgangs und für den besten
Latour seit 1961.
Allerdings, wer diesen Wein unbedingt
kaufen will, sollte nicht älter als 30 Jahre sein, wenn er ihn tatsächlich reif
geniessen möchte; denn das wird erst in 50 Jahren der Fall sein. Natürlich kann
man darüber streiten, welchen Sinn es macht solche Weine zu produzieren. Aber
ist es nicht schön , dass es noch Menschen gibt, die sich um kurzfristige
Erfolge einen Dreck scheren und die deshalb Weine machen, die uns überleben
werden.
Auf Ducru Beaucaillou erleben wir
gleich anschliessend eine der schönsten Kollektion des Jahrgangs jeder der drei
Weine präsentiert sich perfekt als das, was er sein soll, reflektiert auf den
Punkt das jeweilige Terroir: Haut Batailly – so gut wie vielleicht noch nie,
Grand Puy Lacoste – der „Petit Latour“ mit einer totalen Mineralität und
schliesslich ein überwältigend üppiger, saftiger Ducru Beaucailou.
Freitag, 30. März 2001
Jean-Luc Thunevin zum Zweiten.
Finale Grande mit Leoville Las Cases und dem besten Calon Ségur seit dem
legendären 47er.
Heute morgen fahren Ruth und Jürgen
nach Paris zurück und dann weiter nach Eutin. Sie setzten mich am frühen Morgen
am Ortseingang von Saint Emilion ab, wo ich mich nochmals mit Jean-Luc Thunevins
unterhalten und mit seinen Weinen beschäftigen will. Marc wird mich dann Mittags
im „Médiéval“ abholen und zu Dourthe bringen.
Langsam steige ich über das holprige
Pflaster die schmale Strasse hinaus. Noch ist es ruhig in der Stadt. Auch bei
Jean-Luc Thunevin herrscht noch nicht das übliche Gedränge im Garten und den
Verkostungsräumen. Einzig Jan van Lissum ist schon bei der Arbeit. Der Bus mit
unseren japanischen Kollegen kommt frühestens in einer halben Stunde. Michel
Puzio von Croix de Labrie ist auch schon auf den Beinen, hält mal wieder eine
seiner kellerkalten Musterflaschen wie ein Baby im Arm, um sie auf
Trinktemperatur zu bringen. Ich habe selten einen Winzer erlebt, der ein so
emotionales Verhältnis zu seinem Wein hat. Er ist in jede einzelne Flasche
verliebt und „kennt sie mit Vornamen“. Allerdings sagt man Gracia, dem
Baumeister, nach, er schlafe mit seinen Flaschen.
Die Thunevins Weine probieren sich
heute morgen wesentlich besser als vor zwei Tagen. Ihre Differenziertheit ist
bemerkenswert. Wie er es schafft die Typizität des Terroirs, der Appellation
herauszuarbeiten, ist bewundernswert. Nicht nur dass sein Valandraud natürlich
zur absoluten Spitze in Saint Emilion zählt, aber der Marojallia ist auch einer
der besten Margaux, die ich in diesem Kampagne probiert habe. Sein La Fleur de
Bouqueyran ist ein fabelhafter Moulis und sein La Fleur de Rose Saint Croix
einer der besten Listracs. Ein Geniestreich ist in meinen Augen Château Branon.
Das ist eine Selektion eines zwei Hektar grossen Weinbergs aus Pessac Leognan,
der Garcin Cathiard gehört. Es ist der erste Jahrgang und auf Anhieb kommt
Thunevin ganz nah an Haut-Brion heran. 6000 Flaschen gibt es davon und man
sollte zugreifen, ehe der Wein zur Legende wird.
Doch Thunevin ist nicht nur in der Lage
mit Mikrocuvées – Marie Helène, die Önologin von Dourthe, nennt sie am liebsten
Bonsaï-Châteaux – Furore zu machen, sondern auch mit einfacheren Weinen, die es
in ausreichend grosser Menge gibt um die Märkte wirklich zu bedienen und nicht
nur die Keller von ein paar Dutzend Sammlern. So z.B. mit Château Coucy-Maurèze.
150.000 Flaschen eines Montage St. Emilion für ca. 30 bis 35 FF prix de sortie
am Platz von Bordeaux vinifiziert von Thunevin, kein grosser Wein, aber
erstaunlich mineralisch, sehr elegant mit einer angenehmen Süsse. Oder Château
Puy-Arnaud-Maurèze, ein 100 %er Merlot von den Cotes de Castillon, von dem es
immerhin 30.000 Flaschen gibt.
Nach einigem Hin- und Herprobieren lege
ich mich auch im zweiten Anlauf bei den vier Spitzenweinen fest: Nummer eins ist
für mich Château Valandraud. Ich ziehe ihn doch dem L`Interdit de Valandraud
vor. Beim Clos Badon de Thunevin ist es allerdings genau umgekehrt. Der
L`Interdit gefällt mir besser als der Clos Badon. Jean Luc setzt ein
schelmisches Grinsen auf, als ich ihm mein Urteil sage und sagt nur: „Moi aussi.“
Allerdings ist die Frage, welcher nun
letztendlich nicht so interessant wie die Tatsache, dass man bei Valandraud und
seinem L`Interdit ein wirklich bemerkenswerten Sinneseindruck notieren kann. Es
ist, als blicke man in verschiedene Gesichter der gleichen Person, als könne man
den Wein von zwei Seiten betrachten. Beim L´Interdit verstecken sich Terroir die
Tannine hinter der nach vorne drängenden Opulenz der süssen Frucht. Beim
Valandraud ist es umgekehrt. Hier stehen Tannin und Mineralität vor der Frucht,
schützen sie wie eine Mauer oder ein festes Netz vor dem Ausströmen. Thunevin
ist wirklich ein Zauberer.
Inzwischen füllt sich der Hof mit
permanent höflich sich verbeugenden japanischen Sommeliers, die sichtlich
vergnügt und fotografierend diesen sonnigen Morgen geniessen und natürlich den
Empfang durch den Hausherren, der jeden mit Handschlag begrüsst. Der japanische
Markt muss gepflegt werden und die jungen Damen und Herrn beginnen auch gleich
sehr ernsthaft und wissbegierig mit ihrer Degustation. Sie bedienen mit ihrem
Auftritt wirklich alle Klischees, die sich in unseren Köpfen formiert haben.
Michel Puzio beschliesst mit seiner
Frau und einem Freund dem Gedränge zu entfliehen und mir den Weg zum nächsten
Bancomat zu zeigen und mich anschliessend zum Médiéval am Fuss der Altstadt zu
begleiten, wo wir einen petit café nehmen.
Das ist der Treffpunkt in Saint
Emilion. Hier beginnen und beschliessen viele Weinbauern und –händler den Tag.
Frank Goiran, ein junger Faxiste, ist natürlich auch schon da und bietet uns an
die Weine von Mitjavile Schwiegersohn Château Martet und Clos Debreuil im „Le
Bouchon“ zu probieren. Jean-Marc ist inzwischen eingetroffen. Nadja und der
kleine James sind dabei und gemeinsam steigen wir wieder das Kopfsteinpflaster
hinaus zum Platz bei der Kirche.
Der Clos Debreuil gefällt mir erheblich
besser als im vergangenen Jahr. 500 Kisten gibt es davon. Verrückt. James darf
an meinem Glas nippen und kräht vor Vergnügen. Der vor Cassisfrucht nur so
strotzende Wein gefällt dem kleinen Kerlchen. Es ist natürlich nicht sein erstes
Tröpfchen. Er durfte bei Papa schon mal vom 67er Beychevelle, von Leoville Las
Cases und Margaux kosten. Der Petit Prince von Château Maugey verspricht ein
zweiter Heinrich zu werden, wenn er so weiter macht.
Anschliessend nehmen wir mal wieder den
langen Weg über die Schnellstrasse, den Pont Aquitaine, die Rocade nach
Parempuyre in Angriff. Ich komme gerade noch rechtzeitig zum Mittagessen bei
Dourthe und kann mich auch noch von Peter Moser verabschieden, der nach Wien
zurückfliegt. Die anschliessende kleine Pessac Verkostung bringt keine wirkliche
Überraschung. Aber ich kann endlich Sociando Mallet probieren, von dem alle
reden. Wieder ein sehr starker Wein. Das gleiche gilt für Tronquoy Lalande aus
Saint Estephe. Die über 60 Jahre alten Reben dieses Weinberges haben einen
wundervollen dichten und süssen Saft geliefert.
Auf der Fahrt ins Médoc beschliessen
René und ich doch noch unser Glück bei Leoville LasCases zu probieren und rufen
Monsieur Delon an. Der Name CAPITAL wirkt mal wieder Wunder bei der Bitte um ein
Rendezvous. Offensichtlich lesen fast alle Schlossherren unser französisches
Schwesterblatt. Um 16 Uhr sollen wir bei ihm sein.
René hat für mich einige interessante
Zahlen vorbereitet. Er meint, dass der 2000er ein typischer Jahrgang für den
amerikanischen Markt werden wird, ein Parker-Jahrgang. Dann würden mindestens 15
Prozent der Subskriptionen nach den USA gehen. Allerdings folgten dann gleich
Deutschland und Grossbritannien mit jeweils ca. 13 Prozent, Japan mit zehn
Prozent sowie die Schweiz und Benelux mit jeweils ca. sieben Prozent. Der
französische Heimatmarkt schlage bei der Bordeaux-Subskription nur mit fünf bis
sieben Prozent zu Buche. Das heisst die drei wichtigsten Märkte – Deutschland,
Frankreich und die USA – nehmen in einem solchen wichtigen Jahr ca. 40 bis 45
Prozent der gesamten Bordeaux-Subskription auf.
Monsieur Delon freut sich sichtlich,
als ich ihm ein Exemplar des Wein Compass überreiche und ihn auf die kleine
Laudatio über seinen im vergangenen Jahr verstorbenen Vater hinweise. Der
2000er Leoville Las Cases zählt ganz eindeutig zur Spitze des linken Ufers, mit
seiner ausgewogenen Struktur, seiner Kraft und Eleganz ist er einer der grössten
Weine dieses Gutes seit vielen Jahren und zählt für mich unter die TOP 5 des
Médoc. Ob wir auch Nenin probieren könnten, wollen wir von ihm wissen.
Erfreulicherweise macht er für uns noch einen Termin am Samstag morgen auf der
Baustelle in Pomerol, wo derzeit die modernste Kellerei der Appellation
entsteht.
Immer weiter fahren wir hinaus in den
Westen, immer näher ans Meer. Die Landschaft wird karger, steiniger, die Seeluft
immer deutlicher. Stop bei Cos d´ Estournel. Die beiden Empfangsdamen sind von
der gleichen distinguierten Freundlichkeit wie immer obwohl es schon Freitag
nachmittag und schon recht spät ist. Zum ersten Mal wurden für den Zweitwein
Les Pagodes 20 Prozent neue Eichenfässer benutzt. Der Grand Vin von Cos wirkt
auf mich ein wenig wie ein Übersee-Cabernet: in der Nase viel Cassis,
Schokolade und Minze.
Als vorletztes Château dieses Tages
steht Calon Ségur auf dem Programm. Soweit fährt kaum ein Händler oder
Journalist hinaus, aber wir haben von einigen, die dennoch hier waren gehört,
dass der Calon Ségur dieses Jahrgangs etwas besonderes sei. Und er ist es
tatsächlich! Er weckt Erinnerungen an den grossen unvergesslichen 47er. Der Duft
kommt einem 30, 40 Zentimeter aus dem Glas entgegen. Wunderbar! Reife Brombeeren
und Kirschen dunkelgebranntes Gebäck, Schmalz-Bagels, Krokant. Es ist einer der
reichsten Weine des Jahrgangs, zeigt eine ähnlich Fülle wie Ducru Beaucaillou.
Die Inhaberin Madame Capbern-Gasqueton,
eine freundlich aber resolute ältere Lady, erzählt uns wie wichtig in diesem
Jahr das Terroir, genauer gesagt der Wasserhaushalt war. Kein Wunder; gab es
doch Hitzestress im August und Regen Ende September, Anfang Oktober. Dank einer
rigorosen grünen Ernte, bei der jede einzelne Beere, die nicht in Ordnung war
herausgeschnitten wurde, waren die Trauben in einem sehr sauberen und gesunden
Zustand, so dass zumindest ein Teil des Cabernets nach dem Regen perfekt gereift
gelesen werden konnte. Der Merlot kam schon vor dem Regen komplett und mit
idealer Reife herein.
Zu den Preisen will sie sich absolut
noch nicht äussern. Letztes Jahr war dieser Wein für knapp 40 Mark en primeur
zu haben. Selbst wenn der Preis jenseits der 50 Mark liegen sollte, wäre dies
ohne jede Frage das Schnäppchen des Jahres.
Letzter Punkt unserer Agenda und damit
ist auch für uns fast das Ende der Kampagne erreicht: Montrose. Familie
Charmolue ist vollständig versammelt und hat schon einige Zeit auf uns gewartet.
Wir entschuldigen uns für unsere Verspätung. Selbst René, der ja hier zu hause
ist und jeden Schleichweg kennt, unterschätzt immer wieder die Entfernungen. In
der Empfangshalle des Château, in der die kleine Degustation aufgebaut bist,
bewundere ich eine ansehnliche Kollektion zeitgenössischer Kunst der Ecole de
Bordeaux. Grossflächige farbenfrohe Bilder. Vor allem eine rot-blaue
Komposition, die entfernt die Gestalt einer riesigen Languste erahnen lässt,
fesselt meine Aufmerksamkeit. Der Hausherr registriert mit offensichtlichem
Wohlwollen, dass mich seine künstlerischen Neigungen ebenso interessieren wie
sein Wein, der sich in diesem Jahr weniger schroff präsentiert als sonst bei
Montrose üblich. Die hohe Reife des Lesegutes hat auch diesen Felsbrocken
geschliffen und eingekleidet.
Nach einem kurzen Abendessen mit Renés
Familie – natürlich wieder im L`Atmosphère, das in dieser Woche wirklich zu
unser aller Stammlokal geworden ist – gehe ich das erste Mal in dieser Woche
früh schlafen. Fast geschafft!
Samstag,
31. März 2001
Das "Rodeo" geht zu Ende.
Besuch auf Nenin und Fototermin mit Alain Vauthier auf Château Ausone - für mich
der Wein des Jahres. Versuch eines Resumées.
Kurz vor zehn steht der unermüdliche
René schon wieder auf der Matte. Er war bereits einkaufen und hat all die Käse
besorgt, die sich Réka gewünscht hat. Unser letzter Termin: Château Nenin in
Pomerol. So komplett wie in diesem Jahr habe wir noch nie probieren können. Was
fehlt eigentlich noch: L`Hermitage, Latour à Pomerol, La Fleur. Na ja ein paar
Lücken blieben fürs erste. Ein Grund mehr im Sommer wieder zu kommen.
Aber es war eine der anstrengendsten
Verkostungswochen. So viele gute Weine auf einmal. Das gibt es wirklich selten.
„Was sich in dieser Woche abgespielt hat, das war keine normale Kampagne, das
war ein Rodeo“, meint René. Le Rodéo des Grand Crus – das gefällt mir.
Auf der Baustelle Nenin wird auch
Samstags gearbeitet. Die beiden gewölbten Hallen sind halb fertig und füllen
sich allmählich mit Leben. Die blitzenden Tanks sind bereits installiert, im
Chais für die Barriques fehlt noch die Wandverkleidung. Der vor zwei Jahren neu
angelegte Hausweinberge wächst und gedeiht. Unverwüstlich wacht die grosse Zeder
auf dem Platz vor dem alten Château über alles.
Im Verkostungsraum warten Le Fugue de
Nenin und der Gran Vin von Nenin auf uns mit den Jahrgängen 2000 und 1999. Nicht
nur der Jahrgangs- unterschied ist schmeckbar auch die Fortschritte, um die man
sich hier so sichtbar deutlich bemüht. Der 2000er Nenin erinnert bereits wieder
in allem an die frühere Charakteristik dieses Wein, die feine erdige Würze des
Terroirs ist wieder da in Verbindung mit Kaffee- und Schokonoten, das deutlich
dunklere Fruchtspektrum. Bravo, Monsieur Delon! Ein gelungenes Comeback für
Nenin.
Nach einem kurzen Abstecher nach Ausone,
wo wir einige Porträtfotos von Alain Vauthier machen, um die die Redaktion mich
gebeten hat, liefert mich René wieder in meinem Standquartier Château de la Tour
ab. Wir sind noch drei Gäste. Die Woche neigt sich jetzt wirklich dem Ende zu.
Endlich ein bisschen Freizeit. Zwei
Dinge habe ich mir vorgenommen: Ein kleiner Spaziergang durch die
regendurchweichten Weinberge und ein Besuch im Supermarkt SHOPI von Salleboeuf.
Hier kaufe ich mir etwas Escarol und Radieschen zum Mittagessen und zum
Mitnachhausenehmen noch drei Dosen mit Makrelen (Muscadet, Poivre vert und
Dijonais), die es nur hier gibt und die ich so gerne esse.
Glückliches Frankreich! Dieser
Supermarkt (er ist auch am Sonntag geöffnet) auf dem Dorf bietet eine bessere
Gemüseauswahl als jedes Feinkostgeschäft in Hamburg, eine tadellose
Fleischabteilung und zum Wochenende vor der Tür einen Stand mit Meeresfrüchten:
Muscheln, Meeresschnecken, Crevetten, Fische, Calamare, Pulpo und natürlich jede
Menge Austern, fünf verschiedene Sorten zwischen 20 und 30 FF das Dutzend. Ich
unterhalte mich ein wenig mit der freundlichen Austernhändlerin und beschliesse
hier ein zweites Frühstück zu nehmen. Während sie die Austern für die kleine
Degustation mit drei verschiedenen Sorten für mich auswählt und öffnet, kicke
ich ein bisschen Fussball mit ihrer kleinen Tochter. Für das Dutzend samt
Supplement berechnet sie 30 Franc, erst ein Dutzend mittelgrosse, die etwas
nussig, anisig schmecken, dann einige ganz kleine mit einem schönen salzigen
Geschmack und schliesslich ein paar ausgesucht fette, ganz nussig und jodig.
Jetzt sitze ich hier in der Glasveranda
des Hotels und blicke auf den Weinberg von Château de la Tour, höre Liszts
Ungarische Rhapsodien und versuche ein erstes Resumée dieser Woche zu
formulieren. René, der jetzt auch dran sitzt seine Notizen zu überarbeiten,
meinte heute morgen, je mehr er darüber nachdenke, sei er sich sicher, dass es
ein sehr grosser Jahrgang sei. Sehr gross. Das kann man kaum leugnen. Über 1990
und über 1982 darf man ihn wohl setzten. Ich würde ihn am ehesten mit 61
vergleichen. Ob ähnlich gut, gar darüber oder doch knapp darunter? Um dies zu
entscheiden ist es zu früh. das wird sich zeigen, wenn die Weine gefüllt sind.
Aber eines ist sicher: den 45er erreicht der 2000er nicht. Dazu müsste halt auch
ein Mouton granatenmässig gut sein. Und das ist er nicht!
Es gibt
merkwürdige Schwächen bei einigen Gütern in Pauillac, aber auch St. Julien. Was
ist da los? Das bisschen Regen allein kann es nicht gewesen sein. Vielleicht
sind in einigen Fällen die Erträge zu hoch. Möglicherweise werden zuviel junge
Reben für die Produktion der Grand Vins herangezogen. Früher hiess es mal, für
einen klassifizierten Grand Vin brauche man mindestens 25 Jahre alte Reben.
Nicht im Schnitt! Mindestens! Dann hiess es, alles was jünger als 15 Jahre ist,
kommt in die Zweitweine.
In
dieser Woche glaube ich ziemlich oft herausgehört zu haben, dass diese Grenze
bei manchen auf zehn Jahre gesunken ist. Das würde einiges erklären. Solche
Weine können einfach nicht die Tiefe und die Struktur haben und vor allem können
sie noch nicht in der gewünschten Art das Terroir reflektieren. Aber so manchen
Schlossherrn bzw. – herrin treibt offenbar in erster Linie die Geldgier um und
weniger die Sorge um die Qualität oder gar der gute Ruf der Region.
Sonntag,
1. April 2001
Ein Besuch auf dem
Sonntagsmarkt von Libourne. Abschied und Rückflug.
Eine merkwürdige
Reiselektüre.
Abreise aus Bordeaux. Eine lange,
anstrengende Woche geht zu Ende. Mein erstes Resumée für CAPITAL ist
geschrieben. Es wird bereits am 19. April gedruckt auf dem Markt sein. Bis dahin
muss auch das Tagebuch sowie der gesamte Vintage-Report im Netz verfügbar sein.
Und da ist ja auch noch die Vinitaly, die am Donnerstag beginnt.
Über dem Tal von Salleboeuf liegt
feindunstiger, weisser Morgennebel, der sich bei Sonnenaufgang langsam lichtet.
Der verspricht sonnig zu werden. Beim gestrigen Abendessen mit Freunden en
famille (es gab Spargel mit Vinaigrette, Coquilles St. Jacques und Entrecote mit
Zwiebeln und Champignons) habe ich Marc von meinem Austernerlebnis erzählt und
er will mit mir heute Morgen nach Libourne fahren und den Sonntags-Markt zeigen.
In Monsieur Pierre Louis Deroube von
der Transportfirma Hamann in Bruges habe ich gestern einen Bordelaiser
Zigarrenfreund gefunden. So klein ist diese Welt: Er ist mit einer
Düsseldorferin verheiratet und kennt Christoph Wolters vom Casa del Habano in
Meerbusch. Dort kauft er die meisten seiner Zigarren oder bei Vahé Gérard in
Genf. Er hat einige tadellos gereifte Robustos von Juan Lopez dabei und so wird
der Abend länger als ursprünglich gedacht.
Pünktlich um neun ist Jean-Marc zur
Stelle. Mit James hat er einen zuverlässig auf sieben Uhr morgens programmierten
Wecker. Ein strahlend schöner Sonntagmorgen. Halb Libourne ist schon auf den
Beinen und jede Menge Besucher aus dem Umland. Der Markt ist von einer
hierzulande nicht vorstellbaren Vielfalt, einem Reichtum der Gemüse und
Meeresfrüchte, der Fleisch, Wurstwaren und Käse, der den blanken Neid weckt und
traurig macht.
Etwas Platz im Gepäck habe ich noch,
also kaufe ich ein: junge Artischocken, einen wunderschönen gut gereiften Brebis
von eineinhalb Kilo, frisches knuspriges Correzienne-Brot und bei Jean Marie
Lafon, Jean-Marcs Fischhändler, geräucherte Heringe in einer hübsch bedruckten
nostalgischen Spanschachtel.
Man merkt, es ist der 1. April. Überall
gibt es die „Poisson d´Avril“. Das ist ein Gebäck in Form eines Fisches aus
Briocheteig mit creme patissière, Blätterteig mit Mandelcreme, als Erbeertorte.
Was bei uns der Osterhase ist, ist für die Franzosen der Fisch, das alte Symbol
der Urchristen für Jesus Christus.
Bei Jacques Maire, dessen Familie seit
drei Generationen bei der Isle d´Orée Austern züchtet, lassen wir uns einige
besonders prachtvolle Exemplare schmecken. Als ich Jacques Maire erzähle, dass
ich aus Hamburg komme, meint er:“ Da war ich auch mal, vor 30 Jahren mit dem
Flugzeugträger Foch.“ Ich kann mich gut an diesen Flottenbesuch erinnern; denn
als junger Volontär habe ich damals für dpa eine Reportage über den Landgang der
französischen Matrosen geschrieben: 2.000 Pom-Poms in St. Pauli. Er muss einer
von Ihnen gewesen sein.
René bringt mich zu Flughafen. Ich freu
mich jetzt richtig auf zu Hause auf ein gemütliches Abendbrot am Küchentisch
statt eine lauten Dinners im rauchigen Restaurant. Viel Käse habe ich im Gepäck,
den sich Réka gewünscht hat, und natürlich meine heissgeliebten Makrelen.
Vielleicht mache ich heute Abend gebackenen Camembert nach Art des L`Atmosphère.
Mir läuft jetzt schon das Wasser im Munde zusammen.
Im
Flugzeug gibt es u.a. die Welt am Sonntag als Lektüre. Ich schlage die
Lebensartseite auf, meine frühere Wirkungsstätte. Stuart Pigott schreibt in
seiner Kolumne über den Bordeauxjahrgang 1997. Hübsch und ein wenig süffisant
geschrieben wie es sein Stil ist. Aber – so frage ich mich – ist das der
richtige Zeitpunkt für diesen Artikel? Voller Spannung warten alle Weinfreaks
und – händler auf die Veröffentlichungen der ersten Degustationsnotizen über den
Bordeaux-Jahrgang 2000. Auf dem Platz Bordeaux wird eine neue Preisrunde
eingeläutet. Erstmals soll der Primeurpreis für einen Premier Cru auf 1000 FF
steigen. So steht es heute auch in der neuesten Ausgabe der Revue des Vins de
France zu lesen. Das wäre ein historischer Augenblick. Eine neue Hausse steht
möglicherweise an der Weinbörse bevor, und was macht die „Welt am Sonntag“,
einst Speerspitze der Weinberichterstattung unter den deutschen
Publikumsblättern? Sie lässt ihren Kolumnisten über Qualität und Preise des
Jahrgangs 1997 raisonnieren und zwar aus Anlass einer Probe in einem Berliner
Kaufhaus. Das ist, wenn auch mit spitzer Feder gut geschrieben, der dreimal
geschmolzene Schnee von Vorvorgestern.
Was ist
das? Ein Aprilscherz? Berliner Hauptstadthypris oder Ausdruck tiefster
Weinprovinz. Stuart kann dafür nichts. Er macht seinen Job und er macht ihn den
Umständen entsprechend gut. Die Erkenntnis, dass Lafite 97 nicht das Gelbe vom
Ei ist, ist nicht neu. Das weiss inzwischen jeder, der sich dafür interessiert.
Und auch die Favoriten der Berliner Probe sind die gleichen, die man schon vor
drei Jahren überall nachlesen konnte. Und was das Preislamento anbetrifft, gilt
die Kritik an den zu hohen Preisen für den 97er nur solange, bis mit dem
Jahrgang 2000 die Preisschraube kräftige angezogen worden ist. Dann sind die
97er über Nacht optisch wieder preiswert.
TASTINGNOTES
Ab Anfang April werden wir an
dieser Stelle fortlaufend die ausführlichen Degustationsnotizen des
Jahrgangs 2000 publizieren.
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