Bordeaux 2000

 

 Das Millenium-Jahr

Es waren turbulente Tage, von denen diese Tagebuchnotizen erzählen. Damals in den letzten Wochen des März 2001, als die ersten Fassmuster des Milennium-Jahrgangs 2000 gezeigt wurden.

In dieser kurzen Zeitspanne wandelte sich die zunächst zögerliche Gespanntheit in eine Art euphorisches Plasma , das sich schliesslich in einer so noch nie da gewesenen Preishype entlud.  Dieser Urknall sprengte alle Systeme: Preis, Klasse, Stil. Aber wie wir heute wissen: In Bordeaux tanzten wir damals alle auf dem Vulkan.

Es kam der 11. September, der Tiefe Fall der Börse, wirtschaftliche Krisen, Terror und Krieg. Doch davon später.

Le rodeo des grands crus
Tagebuch einer Primeurkampagne

Freitag, 23. März 2001

Vor dem Start. Erste Preistendenzen.

Wenige Tage vor Beginn der Primeur-Kampagne für den Jahrgang 2000 ist heute am Platz Bordeaux das erste namhafte Château mit dem Preis für den Millenium-Jahrgang 2000 auf den Markt gekommen. Den Anfang machte Château Quinault, das im Gegensatz zu einigen weniger bekannten Gütern, die ohne Preisaufschlag auf den Markt gehen, den Preis um drei Prozent gegenüber dem Vorjahr angehoben hat.

Thierry Gardiner (Château Phélan-Segur) erwartet, dass die Preisaufschläge im Schnitt bei zehn bis 15 Prozent liegen könnten. Bei den Premier Crus gilt allerdings bereits jetzt als sicher, dass sie mit einem Preisaufschlag von mindestens 20 Prozent kommen werden.

René Lambert vom Handelshaus C.V.B.G / Dourthe Kressmann hält dies für realistisch und für am Markt platzierbar.

Sonntag, 25. März 2001

Ein Tag mit Jean Marc Maugey

Flug nach Bordeaux. Jean-Marc Maugey erwartet mich am Flughafen mit Nadja, seiner marokkanischen Frau und Söhnchen James, ein gerade elf Monate alter dunkelgelockter Wonneproppen, quietschvergnügt für den ganzen  Rest des Tages.

Milde feuchte Frühlingsluft, der Geruch von Salz und Meer. Die Natur ist sehr weit vorne. Magnolien und Mimosen blühen bereits, auch die Rhododendren, aber die Weinberge befinden sich Dank einiger Frosttage im Januar in ihrem normalen Jahresrhythmus. „Doch“, so Jean Marc, „es war wieder ein sehr milder Winter nur zwei Mal hatten wir ganz kurz Frost im November und im Januar.“

Er wird seine Preise mit dem 2000er Jahrgang um 20 Prozent erhöhen. 300 FF sans taxe für den roten und 200 FF für den weissen. Der 98er ist komplett ausverkauft inkl. aller Grossflaschen. Drei Märkte: Hongkong, Deutschland und Österreich.

Für das „kleine“ Mittagessen haben sich die beiden mächtig ins Zeug gelegt. Erst gibt es Lamproie (Neunauge) à la bordelaise von Jean Marc gekocht nach einem Rezept seiner Grossmutter Camille, die am 11. Februar ihren 100. Geburtstag feiern konnte (Vor 18 Jahren hat Wolfram Siebeck anlässlich des Festschmauses zu Jean Marcs 18. Geburtstag bereits ihre Kochkünste im "ZEIT Magazin"  ausführlich gewürdigt). Sieben bis acht Stunden braucht dieses Gericht, vier Stunden allein für den Fond mit Sellerie, Karotten, Fenchel und drei Liter Rotwein. „Aber nur mindestens zehn Jahre alten, sonst wird die Sauce sauer und bitter“, so Jean Marc.

Anschliessend tischt Nadja eine marokkanische Tajne auf  Rindfleischbällchen in einer wunderbar würzigen Tomatensauce mit Karotten, Champignons und Paprika in einem Tongeschirr geschmort, das dem Gericht einen rauchigen „gout de terre“ verleiht.

Der 2000er von Château Maugey ist ein Meisterstück, der beste Wein, den Jean-Marc bis jetzt gemacht hat. 25 hl/ha. Ende September gepflückt, satte 13 % Vol. Alkohol und erstmals auch eine reichliche Menge von 16.000 Flaschen. Er wird erst 2003 auf den Markt kommen, nicht vor dem 15. April, also nach drei Wintern im Barrique.

Der 97er: jetzt ein sehr angenehmer, recht zugänglicher  Wein. Bei den Jahrgängen 1998 und 1999 werden wir uns nicht einig. Er bevorzugt den zugegeben etwas strukturierter wirkenden 98er, der auf mich etwas zu spröde wirkt. Während  ich den opulenteren 99er leicht vorziehe.

Jean-Marc:“Der schmeckt wie ein Pomerol. In vier, fünf Jahren wirst Du sehen, dass ich Recht habe.“ Kann sein, aber der 99er liegt noch im Fass und ich bin gespannt, wie er sich weiter entwickelt. Zum Abschluss der Probe wieder so eine seiner typischen schlichten Winzerweisheiten: „Der Wein ist Zeit; denn sie macht den Wein.“

Am Nachmittag treffen Ruth und Jürgen Herrnberger ein, begleitet von René Lambert. Wir planen den morgigen Tag, der um 8.30 Uhr auf Château La Mission Haut Brion beginnen wird. Jean-Marc empfiehlt uns ein Restaurant, das wir noch nicht kennen, ganz in der Nähe von Salleboeuf, wo wir auf Château de la Tour unser Domicil für diese Woche aufgeschlagen haben: „L`Atmosphere“ in St-Germain-du-Puch.

Ein kurioser, aber äusserst charmanter und witziger Laden, vorne ein Bistro, dessen Wände vollgepflastert sind  mit alten Emaillereklamen, eine antike Benzinzapfsäule, ein laufender Fernseher mit Grossbildschirm. Unübersehbar - das Vereinslokal des örtlichen Fussball-Clubs. 

Daneben ein stimmungsvolles ländliches Restaurant, das sich an diesem Abend schnell füllt, mit Pizzaofen und grossem, offenem   Kamin in dessen Feuer Hühner und riesige T-Bone-Steaks gegrillt werden, am Knochen, trotz BSE. Unsere Vorspeise „Gambas mit Paprika und Tintenfischstücken in einer Tonkasserolle gegart“ ist nachahmenswert. Mein Hauptgang Kalbsnieren mit Bratkartoffel und grünem Salat mit einer cremigen Vinaigrette: comme il faut.

Montag, 26. März 2001

Auftakt bei La Mission Haut Brion - Grossartiger Margaux, schwacher Mouton.
Besuch beim "Gaucho" Jean-Michel Arcaute - Michel Rollands Volltreffer.

Unser Tag beginnt heute früh auf Château La Mission Haut-Brion. Und zwar um 8.30 Uhr. Peter Moser vom Falstaff aus Wien stösst zu uns, der sich sichtlich freut, dass Jörg Haider bei den Wiener Kommunalwahlen einen Denkzettel bekommen hat. Peter wird uns an diesem Tag begleiten, auf den wir alle so gespannt gewartet haben.

2000 – der Milleniumjahrgang. Früh, viel zu früh von Heinz Horrmann in der „Welt“ bereits verdammt und begraben in einer Art und Weise, die einer seriösen Tageszeitung nicht würdig ist, dann eher gedämpft von einigen Auguren rehabilitiert und in den letzten Wochen immer weiter hochjubiliert.

Unter der Headline „Prädikat: enttäuschend“ hatte Horrmann dreispaltig auf Seite eins der „Welt“ den geneigten Lesern erklärt, „Warum es dem französischen Weinjahrgang 2000 an Klasse fehlt.“ Wohlgemerkt. Ohne auch nur ein Muster verkostet zu haben, bescheinigte er in dem Artikel dem Bordeaux-Jahrgang 2000 eine „relativ frühe  Trinkreife“. Über den Primeurmarkt hiess es: „Mit Subskriptionen werden die Geniesser darum vorsichtig sein. Das grosse Blindbuchen wie beispielsweise beim 90er findet nicht statt.“ Am Ende dieses Tages werden wir bereits wissen: Selten hat sich auf diesem Feld jemand so grandios geirrt.

Der erste Eindruck an diesem Morgen ist allerdings konsternierend. Die beiden Geschwister-Châteaux in Pessac zeigen eine gute Performance, aber auch nicht mehr und auf jeden Fall unterhalb des zugegeben grandiosen 99er Haut Brions. Dies lässt aber kaum ein Schluss auf das gesamte Bordelais nicht mal auf die beiden Appellationen Graves und Pessac-Leognan zu; denn Haut-Brion und La Mission Haut Brion, die heute völlig von der Stadt umgeben sind, verfügen mittlerweile über ein so eigenständiges Mikroklima mit einem signifikant abweichenden Wärmehaushalt, dass es angebracht wäre ihnen eine eigene Appellation zuzubilligen.

Doch dann – nur eine Stunde später - ein erster Paukenschlag: Le Pavillon rouge von Château Margaux. Das soll ein Zweitwein sein? Unfassbar! Für die meisten Mitbewerber wäre dies bereits der Grand Vins! Und dann er Château Margaux selbst. Monsieur Pontallier ist sichtlich vergnügt, als er ihn uns kredenzt und unsere spontane Begeisterung registriert. Es dürfte der beste Margaux der Dekade sein, wenn nicht der letzten 20, 30 Jahre. Dieser Wein ist wirklich „very closed to perfection“. Noch mal einen winzigen Tick über dem phantastischen 99er, den wir ebenfalls probieren und der alle Versprechungen des Fassmusters aus dem vergangenen Jahr einlösst.

Spätestens aber bei der dritten Station dieses Tages wird unsere Euphorie wieder gedämpft. Im Verkostungssaal von Mouton holt man uns unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück. Mit dem 2000er setzt Mouton die Reihe seiner schwächelnden Jahrgänge fort. Ich bin gespannt ob James Suckling diesen Wein auch wieder so hochjubeln wird, wie letztes Jahr. Was man uns vorsetzt ist wirklich nur noch etwas für Etikettentrinker: dünn, sauer, unspirierend. Weit davon entfernt das Prädikat Premier Cru zu verdienen. Aber es wäre natürlich nicht das erste Mal, dass Mouton sich bis zur Veröffentlichung des Weines irgendwie aus der Affaire zieht. Danach folgt Lafite mit einer sehr guten, aber keineswegs begeisternden Qualität.

Mittagessen im Restaurant Le Canoe beim kleinen Fischereihafen von Port de Goulée . Das menu ouvrier kostet 62 FF und beinhaltet vier (!) Gänge, eine Gemüsevelouté, Paté bzw. Rognons a la madère, ein halbes Hühnchen bzw. ein Fischfilet vom Tagesfang danach Käse oder Dessert. Danach besuchen wir Rolland de By und Haut Condissas ganz draussen an der unteren Spitze des Médoc. 

Ein eigenwilliges Terroir, das immer wieder bemerkenswerte Weine hervorbringt. "Pez et By" wäre doch ein schöner Name für eine Appellation. Ich diskutiere das spät am Abend mit Jean-Marc, der auch meint, dies sei ein eigenständiges Terroir St.Estephe nahe verwandt, aber eben doch eigen. Auf dem Weg zurück nach Salleboeuf noch ein Abstecher bei Château Cambon La Pelouse, meiner Entdeckung des letzten Jahres. Ein hochmoderner Betrieb in Macau gleich zum Beginn der Route de Médoc linker Hand. Der 2000er präsentiert sich gut, nochmals ein bisschen über dem 99er, der damals für mich einer der besten Cru Bourgeois war.

Zum Abschluss geht es nach Château Sansonnet in Saint Emilion. Jean Michel Arcaute ist da mit seiner jungen argentinischen „Gaucha“ wie er scherzhaft meint und seiner acht Monate alten Tochter Valentina. Er wirkt noch energiegeladener als sonst, hat sichtlich abgespeckt und Spass an seinem neuen Leben in den Pampas. Erster Eindruck der Pomerol-Weinen: weich, süss, charmant, aber es fehlt meist an der für einen grossen Jahrgang nötigen Tiefe. Ausnahme: Le Bon Pasteur.

Doch noch erwartet uns eine weitere Überraschung am Ende eines langen Tages : Le Défie de Fontenil, der deklassierte Fronsac von Michel Rolland. Zur Erinnerung: der Wein muss ohne Appellation verkauft werden, da Rolland, den Boden des Weinbergs mit Plastikplanen vor Regenfällen geschützt hat. Besseres habe ich aus dieser abseitigen Region noch nicht getrunken. Was für ein wunderbar geschmeidiger, eleganter und doch vollfruchtiger Wein. Ein Fronsac kann also doch auch opulent daherkommen und muss nicht immer kantig und eckig sein. Das wird man ihm aus den Händen reissen und die Bordelaiser Autoritäten sind mal wieder blamiert und an der Nase herumgeführt. Sie haben genau das Gegenteil erreicht von dem, was sie erreichen wollten. Jetzt hat auch Bordeaux einen ersten Luxus-Tafelwein und das auch noch aus Fronsac. Wohin das führen kann haben wir ja in der Toskana gesehen.

Der Abend klingt aus – wie schon gestern – im L`Atmosphère diesmal mit einem deftigen Salade morue (Stockfisch und Kartoffeln) und Pizza mit hauchdünnem Teig belegt mit Chêvre und lardon fumé.

Erstes vorsichtiges Fazit an diesem Tag: der 2000er ist wohl kein durchgehend brillanter Millesime, sondern wieder ein Jahrgang mit Licht und Schatten, Höhen und Tiefen. Der Margaux ist sicher einer der ersten ganz grossen Weine des 20. Jahrhunderts. Die Parallele zu 1900 Margaux, dem Jahrhundertwein, drängt sich da natürlich auf. Ob er diese Klasse wirklich erreichen wird? Wer will schon wagen, dies abschliessend zu beurteilen? Beim Rothschild-Flaggschiff aber muss man jetzt endgültig die Schicksalsfrage stellen: Quo Vadis Mouton?

Dienstag, 27. März 2001

Überraschend gute Cru Bourgeois im Médoc. Erster Besuch bei Jean-Luc Thunevin.
Die "verbotenen Weine" aus Saint Emilion und Fronsac.

Wieder so ein anstrengender, langer, langer Bordeauxtag. Aber erlebnisreich. Wir beginnen morgens um 9.30 in Pauillac und arbeiten uns im Laufe des Tages bis nach Saint. Emilion vor; d.h. wieder gut 300 km, fünf Stunden im Auto, mindestens zweimal Stau auf dem Pont d´Aquitaine.

Pauillac präsentiert diesmal auf Grand Puy Ducasse. Das Château ist in einem alten Palais direkt an der Hafenpromenade von Pauillac gelegen. Der Verkostungsraum ist eng und so voll wie ich es noch nie erlebt habe. Alle sind heute früh schon auf den Beinen: Georg Mauer aus Berlin, Heiner Lobenberg aus Bremen, Lars Damgaard aus Kopenhagen – die ganze Bande ist schon da. Wie ein grosses Familientreffen.

Es sind soviel Käufer, Händler, Sommeliers wie noch nie zuvor. Über 4000 – statt wie sonst üblich 2.000 bis 2.500  haben sich in diesem Jahr für die Primeurkampagne angemeldet. Da sieht man mal was ein guter Jahrgang in Verbindung mit der ausklingenden Milleniumeuphorie bewirken kann. Da geht mir durch den Kopf: Wenn die tatsächlich alle kaufen, wo gehen dann die Preise hin? Der Saal schwirrt von Tipps und den neuesten Gerüchten.

Unsere Favoriten der ersten Verkostungsrunde sind eindeutig: Pichon Baron, so grossartig wie schon lange nicht mehr, dann ein eher eleganter, aber excellenter Lynch Bages und vor allem die Leoville-Güter Poyferré und Barton sowie daneben Langoa Barton, alle drei grossartig. Auch Lagrange ist beeindruckend. Beychevelle – das schon so oft zu meinen Lieblingen zählte – enttäuscht mich dagegen an diesem Morgen, ebenso wie Branaire.

Der Wine Spectator hat sich nicht an die Bitte der Union des Grands Crus gehalten, während der Woche keine Notizen zu veröffentlichen, und ist auf seiner Website bereis mit den ersten Bewertungen erschienen: u.a.  Lynch Bages und Rauzan Ségla mit 95 -  100 Punkten. Die Tische der beiden Güter sind sofort noch stärker frequentiert. Die Margaux Präsentation findet in diesem Jahr bei Rauzan Ségla statt und bis Mittag weiss es jeder. Auf dem Château herrscht fast Belagerungszustand, als wir es erreichen ist es von einer chromblitzenden Wagenburg förmlich umzingelt.

Doch vorher gab es beim Besuch auf Château Fonréaud noch eine Riesenüberraschung. Hier präsentieren Médoc, Haut-Médoc, Listrac, Moulis etc. u.a. zahlreiche Cru Bourgeois. Im vergangenen Jahr war dies eine Art Gruselkabinett mit vielen schwachen, ja scheusslichen Weinen. Diesmal ist gleich das erste ein Volltreffer: La Tour de By. Der letzte Wein dieses Kalibers liegt mehr als zehn Jahre zurück. Dicht, strotzend vor Brombeerfrucht und vor allem tanningeladen. Wow! Doch das ist  nicht die einzige Tanninbombe im Saal. Es ist eine Gleichmässigkeit auf einem guten bis hohen Niveau, wie ich sie hier noch nie erlebt habe: La Tour Carnet, Malescasse, Belgrave, auch Château Clarke und natürlich Poujeaux, Chasse Spleen und vor allem Maucaillou mit seiner würzigen Türkischmoccanase.

Letzte Station des Vormittages Château Rauzan Ségla. Hier treffen wir u.a. Magister Andrä Vergeiner aus Lienz, Karl Dörfler aus Aachen, Franz Messeritsch, den Sommelier des Ana Grand Hotels in Wien. Die Noten für den Wein des Hauses haben sich schon herumgesprochen. Regisseur John Kolassa macht entsprechend aufgeräumt seine Honneurs.

Zum rustikalen Mittagsbüffet mit Blutwurst, Paté und Entensülze gibt es 89er Rauzan Segla, ein jetzt vorzüglicher, fast trinkreifer Wein. Jürgen und Ruth haben noch 49 Flaschen davon. Für 190 Mark steht er bei ihnen auf der Karte – ein Schnäppchen. Der 2000 von Rauzan Segla ist tatsächlich ein bemerkenswerter Weine, elegant, perfekt strukturiert.

Ich probiere noch drei verschiedene Echantillons des 2000ers. Der junge Mann am Präsentationstisch kommt jetzt kaum mit dem öffnen der Flaschen nach, so gefragt ist jetzt dieser Wein. Ich sehe ihn eher bei 94 Punkten, warte aber noch etwas mit der endgültigen Einschätzung. In meinen Tasting Notes gibt es noch zwei weitere Highlights: Giscours und Cantenac Brown.

Nach einem Abstecher zu Dourthe, wo wir wieder mit Peter Moser und René Lambert zusammentreffen, brechen wir auf zum rechten Ufer nach Saint Emilion. Unser Termin bei Jean-Luc Thunevin ist endlich bestätigt. Wir queren die Brücke gerade noch rechtzeitig vor dem  Feierabendverkehr. In Château Grand Mayne lässt Peter seinen Wagen stehen, Die trutzige alte Burg unterhalb von Saint Emilion wird sein Domicil für die heutige Nacht.

Bei Thunevin ist noch mehr los als im vergangenen Jahr. Neben der „Hexenküche“ des Labors, in dem er seine eigenen Weine zeigt, gibt es diesmal einen kleinen salle degustation in dem sich befreundete Winzer präsentieren sowie einige junge Talente und Newcomer, deren Weine von Thunevin  für seinen Vertrieb ausgesucht wurden, darunter natürlich auch einige der Stars des vergangenen Jahres: Branda, Gracia und Croix de Labrie. Alle drei sind in diesem Jahr noch besser gelungen als 1999 vor allem der wundersüsse Gracia und der diesmal besser strukturierte Croix de Labrie. Interessante Entdeckungen. Namen, die man sich merken sollte, weil man schon bald über sie sprechen wird: Château Le Bernat,  Karolus, Cuvée Jean Baptiste von Château Franc Maillet.

Ortswechsel – vom petit salle in die "Küche". Im Garten läuft mir  Alvaro Palacios aus Gratallops über den Weg. Beiderseits stürmische, weil total überraschte Begrüssung. Wie klein die Weinwelt doch an solchen Tagen ist.

Thunevin hat seine Palette nochmals erweitert. Herausragend neben Griffe de Cap d´Or und Andreas, die ihren Lorbeer aus dem letzten Jahr nachhaltig rechtfertigen, vor allem Château Branon. Noch nie gehört? Ich auch nicht. Aber was für ein Wein. Ein Pessac wie ihn dort ausser Haut-Brion und La Mission niemand zustande bringt: dunkel, fast schwarz, dickflüssig und brombeersüss, aber auch Toast ohne Ende. Dazu der charakteristische Stall-Erde-Duft. Bravo!

Und dann die vier Wunderweine über die inzwischen jeder spricht: Valandraud und Clos Badon mit ihren nicht standesgemässen Geschwistern, den zu Tafelweinen deklassierten Selektion jener Weinberge, die Thunevin auf Anraten von Michel Rolland mit Plastikplanen abgedeckt hat, worauf die beiden bei der Union in Ungnade fielen. Das Ergebnis gibt ihnen Recht: diese beiden L`Interdit genannten Weine sind Prachtgeschöpfe, wahre Wunderwerke der Natur, die das Glück hatten, dass ihnen gegen die Torheit der Funktionäre zwei begnadete Geburtshelfer zur Seite standen. Die Kollektion bewegt sich für mich zwischen 95 und 100 Punkten. Sie ist so stark, dass ich sie am Freitag nochmals probieren möchte, aber am Morgen mit absolut klarer, sauberer Palette. 

Im Gespräch mir Thunevin stellt sich schnell heraus, dass er meine Einschätzung teilt: Die Supertuscans – oder besser gesagt Ihre Idee – haben in Bordeaux ihren Einzug gehalten.  Neben seinen beiden L`Interdits, der Le Défie von Rolland und - er nennt mir den vierten im Bunde - La Preuve par Carle, ebenfalls ein Fronsac. Thunevin:“ Unsere Authoritäten haben nichts gelernt aus dem italienischen Beispiel. Sie machen die gleichen Fehler wie die toskanischen DOC-Verwalter und verteidigen die Tradition an einer völlig unnötigen und unsinnigen Stelle gegen den Fortschritt.“ So macht man aus Modernisierern Revolutionäre. Aber das Ergebnis im Wein ist so überzeugend, dass sie in Zukunft sicher genügend Nachahmer finden werden.

Am Abend als wir das Haus verlassen trifft sich die Dreier-Bande – Thunevin, Rolland und Vauthier (Ausone) sichtlich vergnügt und aufgeräumt zum Abendessen. Sie haben ihrer Legende einen weiteren Glorienschein zugefügt und das Appellationssystem hat einen Schlag bekommen, der seine Grundmauern erschüttern wird.

Auf ein kurzes Bier mit Michel Puzio, dem weissgelockten Engel von Croix de Labrie, und Alvaro auf der Terasse des Cafés "Le Médiéval" beim Parkplatz am Ortseingang, einem beliebten abendlichen Treffpunkt. Eric Prisette (Rol Valentin) kommt herein mit Stéphane  Derenoncourt, dem Kellermeister von Canon-La-Gaffelière, beide ausgehfertig gechniegelt und gebügelt.

Wir verabreden uns für den morgigen Tag und fahren nach Bouilac, einen kleines Dorf oberhalb Bordeaux mit seiner still in sich ruhenden romanischen Kirche und einem weitem Blick über die Stadt, jetzt nach Eintritt der Dunkelheit ein flimmerndes Lichtermeer. Im "Bistroy" lassen wir   bei Lachs auf warmen Kartoffeln und kubanischem Reis mit Mergueze den Tag ausklingen.

Nebenan sitzt René mit der Einkaufsmannschaft von Air France. James Suckling vom Wine Spectator hält sichtlich aufgeräumt Hof. Der liebenwürdige Paolo „Parker“ Pong kommt mir entgegen und entschuldigt sich, dass er mir die Bilder von der Rodenstock-Probe von vor drei Wochen in München noch nicht gemailt hat. Dort hat sich der junge, gerademal 23 Jahre alte Weinkrieger aus Hongkong  seinen „Kriegsnamen“ redlich verdient, als er einen 59er Mouton blind herausroch- und schmeckte. Seither nennen wir ihn scherzhaft „Parker“.

Mittwoch, 28. März 2001

5.000 Besucher und die 1.000-Francs-Parole. Schlag auf Schlag: Angélus, Cheval blanc, Rol Valentin, Pétrus, L`Eglise-Clinet, La Mondotte, Pavie...  Doch am Ende des Tages heisst es dann: Ausone über alles! 

Wenn ich ein nächstes Fazit versuchen sollte, dann vielleicht so: Pauillac gehört – komme was da wolle – sicher nicht zu den Gewinnern des Jahrgangs 2000, auch nicht Pessac, aber die mittleren Appellationen des linken Ufers wie Margaux und seine kleinen Nachbarn (Moulis z.B.). Auch die Gegend um Pez e By sollte Beachtung finden. Und offensichtlich mal wieder auf der Siegerstrasse: Saint Emilion, Pomerol, Fronsac, wobei 2000 wohl Saint Emilion die Spitze des rechten Ufers markieren dürfte. Heute Nachmittag nach Pétrus, Ausone und Co. werden wir mehr wissen.

Erstmal wird es ein richtig hektischer Tag. Soviele verschiedene Präsentationen hat es auf dem rechten Ufer noch nie gegeben. Neben den beiden UGC Proben in La Pointe und auf Angélus gabs noch „Pomerol Prestige“ auf La Croix,  „Le Millésime 2000“ in La Dominique. Aber La Gomerie gabs nur bei Beauséjour-Bécot, Pavie nur auf Pavie usw. usw..

Den ganzen lieben langen Regentag rauschten die Convoys die engen Landstrassen von Pomerol und Saint Emilion hin und her, rauf und runter. Mit dieser Zerstückelung – hier drei Weine, dort fünf, dann mal zwanzig auf einen Schlag etc. kann man seinen solchen Event auch kaputt machen.

Am Nachmittag verabschiedet sich Georg Mauer mit seiner Crew zum Flughafen: „Es ist aussichtslos. Man kann ja doch nicht alles probieren, wofür gibt es Journalisten.“ Ich kann ihn  verstehen. Inzwischen schätzt man die Zahl der Besucher eher auf 5.000. Wie die Heuschrecken fallen die Einkäufer in diesem Jahr über Bordeaux her. Darunter mischen sich aber auch immer häufiger private Weinliebhaber, die wer weiss wie an eine Akkreditierung gekommen sind und sich jetzt genüsslich durchsüffeln mit hochroten Köpfen, sichtlich erregt den Objekten ihrer Begierde so nahe sein zu dürfen. Mit diesem Sündenfall hat die Union des Grands Crus eine gefährliche Pandorabüchse geöffnet.

Auch die Preisdiskussion geht weiter. Alexis Arcaute, Sohn von Jean-Michel Arcaute, erzählt mir den neusten Klatsch. Demnach wollen die Premier Crus in diesem Jahr unbedingt die 1000 FF Schallgrenze bei den Releasepreisen knacken. Einige Händler und Negociants, die ich drauf anspreche halten das durchaus für möglich. Andere meinen, mehr als 800 Francs statt der 560 Francs (1.Tranche) bis 620 Francs (3. Tranche) aus dem letzten Jahr sei nicht drin.

Doch der Reihe nach. Wir beginnen auf Angélus, wo mir besonders der Wein des Hauses gefällt und vor allem auch Troplong Mondot. Bei den Pomerolweinen auf La Pointe heissen meine Favoriten L`Evangile, Conseillante, Beauregard.

Die grosse Enttäuschung ist für mich Clinet. Monsieur Laborde distanzierte sich mit dem 2000er deutlich von seinem früheren Partner Arcaute, ohne einen eigenen Stil gefunden zu haben. Dieser schwerblütige Wein mit dem unsauberen Bukett von gerösteten grünen Paprika hat zwar den Wine Spectator begeistert, mich aber lässt er kalt und ich finde auch sonst niemand, der diesen Wein versteht oder gar goutiert. Hier geht leider möglicherweise doch eine grosse Ära zu Ende. Der Wine Spectator ist, wie ich im Internet lese, anderer Meinung. Möglicherweise „the best Clinet ever“. Das kann ich auch nach drei verschiedenen Fassmustern beim besten Willen nicht nachvollziehen.

Dann nähern wir uns langsam und allmählich den Highlights des Tages. Erst eine kleine Präsentation auf Chateau La Dominique u.a. mit Les Grandes Murailles, Grand Pontet, Clos Saint-Martin und Pavie Macquin. Die vier haben in diesem Jahr wiederum prachtvolle Weine geerntet.

Auf Cheval blanc treffe ich Alois Kracher vom Neusiedler See und Gaja-Statthalter Willi Klinger. Grosses Hallo. Auch Paolo Pong ist wieder da. Ähnliche Situation wie bei Margaux. Schon der Zweitwein Petit Cheval schmeckt wie ein veritabler Grand Vin und Cheval blanc selbst gehört zu den besten Jahrgängen der zweiten Jahrhunderthälfte, vergleichbar dem 90er. Jetzt liegt auch hier unsere Messlatte verdammt hoch: 97, 98, 99... Mir wird klar: heute liegt etwas in der Luft!

Nach einem kurzen Mittagessen mit Jean-Michel Arcaute, der uns nach Sansonnet eingeladen hatte, besuchen wir Eric Prisette auf Rol Valentin. Der geht seinen Weg unbeirrt weiter in Richtung eines richtigen grossen  Saint Emilion. Sein Wein hat durch den Terroirwechsel einen anderen Charakter bekommen. Früher war es eine Art Pomerol aus Saint Emilion. Die fette Üppigkeit, die orientalische Würze, die heissen, gekochten Aromen sind verschwunden, der Wein ist kühler, konzentrierter,  komplexer. Vor allem auch ernsthafter. Umso vergnügter der Weinmacher angesichts unseres Lobes. Auf dem Weg nach Ausone probieren wir bei Monsieur Bécot noch La Gomerie – auch in diesem Jahr wieder ein grosser Wein.

Auf Ausone machen die Bau- und Restaurierungsarbeiten sichtliche Fortschritte. Neue Stützmauern werden gerichtet, marode Gebäudeteile abgetragen und originalgetreu wieder aufgebaut, Quadern aus dem fels geschnitten. Inmitten dieser riesigen Baustelle empfängt uns Alain Vauthier in seiner kleinen Koststube, in der noch einige Kollegen darunter Otmar Kiem und Michael Pronay  ihre Notizen machen.

Zwei Gläser, zwei Weine: Moulin Saint Georges und Ausone. Schon er erste ist ein Hammer. So gut wie noch nie! Aber dann Ausone. Was für ein Wein!!! So müssen die grossen alten Ausones, die ich kenne geschmeckt haben, als sie jung waren, fährt es mir durch den Kopf. Nach einigen Überlegen, die Frage an mich selbst: Was könnte an diesem Wein noch besser sein? Noch ein Schluck, nochmals riechen. Dann die Antwort: Nichts! Aufforderung an mich selbst: Aber dann musst du ihm 100 Punkte geben. Die hat er auch verdient. Er zählt ohne Frage zu den grössten Weinen, die dieses Gut je hervorgebracht hat, steht in einer Reihe mit 1849, 1921, 1949.

Was sollen wir jetzt noch kosten? Kann man das übertreffen oder wenigstens einholen? Um es kurz zu machen: Wir begegnen an diesem Tag noch einigen sehr, sehr grossen Weinen – L`Eglise-Clinet, Pétrus, La Mondotte, Pavie, Monbousquet, Pavie Decesse – aber keiner kann mit Ausone 2000 mithalten.

Am nächsten kommt ihm nach meiner Meinung vielleicht Château Pavie. Andere halten ihn für überextrahiert. Aber auch da bleibt ein Rest von Distanz. Ohne Le Pin, Vieux Château Certan und Le Tertre Rôteboeuf probiert zu haben, die erst morgen an der Reihe sind, denke ich doch, dass Ausone der Wein des Jahrgangs auf dem rechten Ufer ist. Vielleicht sogar gefolgt von Margaux der Wein des Jahres. Beides sind Weine, die neben ihrem Genusswert und dem spekulativen Potenzial auch eine historische Dimension haben. Weine, die aus unterschiedlichen Gründen auf einem prominenten Platz in die Geschichte der beiden Güter eingehen werden.

Zu berichten ist noch von einem interessanten Gespräch mit Stephan Graf Neipperg auf Canon La Gaffelière. Auch er hält das Vorgehen der INAO gegen Michel Rolland und Jean Luc Thunevin für eine Eselei. Er selbst erwähnt auf dem Etikett von La Mondotte inzwischen nicht mal mehr die Herkunft Saint-Emilion. Auch er ist der Meinung, dass all diese neuen Nicht-Appellations-Weine mehr und mehr Nachahmer finden werden und am Ende dem System von Bordeaux nichts anderes übrigen bleiben wird, als die verlorenen Söhne und Töchter wieder zu vereinahmen. „Aber“, so Neipperg süffisant, „ nur zu unseren Bedingungen.“ Man habe ihm in vertraulichen Gesprächen bereits angeboten, La Mondotte, das ursprünglich als nicht klassifizierungswürdig galt, aber heute einen der  begehrtesten und teuersten Weine der Appellation hervorbringt,  jetzt doch als Grand Cru abzusegnen. Er habe dies aber abgelehnt, da für dieses Superterroir aus seiner Sicht nur ein Status als Premier Grand Cru in Betracht käme.

Donnerstag, 29. März 2001

Le Pin markiert die Spitze in Pomerol - Der beste Latour seit 1961. Weitere Highlights des Tages: Ducru Beaucaillou, Grand Puy Lacoste und Palmer.

Der Tag beginnt heute für uns etwas später, und nach einer stürmischen Regennacht zunächst sehr schön sonnig und mild am frühen Morgen, doch als wir das Hotel verlassen, kommt schon der erste heftige Regenguss vom Himmel und diese überfallartigen Platzregen teilweise mit Hagel verfolgen uns den ganzen Tag. Manchmal sieht man beim Fahren keine zehn Meter weit.

Erste Station: Vieux Château Certan. Auch in diesem Jahr wieder einer in der ersten Reihe der Pomerolweine. Anruf bei Jacques Thienpoint, ob es möglich ist Le Pin zu probieren. Natürlich, wenn es Ihnen nichts ausmacht, das zwei Kollegen von Ihnen dabei sein werden. Aber kommen Sie bitte jetzt gleich. Von VCC nach Le Pin sind es nur wenig Hundert Meter.

Als wir langsam auf den Hof fahren, kommt Monsieur auch schon auf dem Fahrrad den Feldweg dahergeradelt und empfängt und mit der jovialen Freundlichkeit eines weltläufigen Belgiers. Wir warten noch auf meinen holländischen Kollegen Jan van Lissum und seine Begleitung.

Thienpoint bittet uns zwei Barriques auszusuchen eins von der rechten Seite des Kellers und eines von der linken – dann macht er daraus die Proben-Assemblage. Die längere Reihe rechts enthält das Material aus dem Originalweinberg von Le Pin, den er 1978 gekauft hat, und links die Parzellen, die 1986 erworben wurden. Der Wein ist schon im Bukett umwerfend gut, eine solche komplexe Ansammlung unterschiedlichster Röstaromen – das kann nur Le Pin in Bestform. Sicherlich ist es einer der besten, wenn nicht der beste Pomerol des Jahrgangs.

Weiter nach Saint Emilion und auf gut Glück – das heisst ohne Rendezvous - nach Tertre Roteboeuf. Francois Mitjavile ist zu hause und begrüsst uns mit lauter Klassik in seinem Bibliotheks-Wohnzimmer, in dem sich die Bücher stapeln. Mein „Wein Compass“ bekommt fürs erste eine Ehrenplatz ganz oben auf. Der anfangs eher technische Sofaplausch schweift – wie meist bei Mitjavile - schnell in die Weinphilosophie ab.

Warum reagieren Menschen so verschieden auf den gleichen Wein bzw. warum versteht manchmal Weine nicht und lehnt ab, was andere ganz toll finden? Mitjavile lächelnd:“Wenn Du ein enthusiastischer Charakter bist, dann gibt es immer mehr gute als schlechte Weine für dich.“

Bei seinem 2000er Tertre Roteboeuf ist das keine Frage.. Nach dem animalisch opulenten 99er mit seiner reichen Frucht ist er einen stark vom Terroir gezeichneten nervigen Charakter. Erstmals gefällt mir auch sein immer wider leidenschaftlich angepriesenes Lieblingskind Roc de Cambes sehr gut. Wer hätte je gedacht, dass von der Cotes de Bourg ein solch komplexer Wein kommen könnte.

Noch ein kurzer Besuch bei einer erstmals stattfindenden kleinen Präsentation der Produzenten aus Monbazillac und Jurancon im L`Atelier des Vins. Bruno Bilancini lässt uns das neue Cuvée Madame von Tirecul La Gravière verkosten. Ein grosser, edler Süsswein, der es mit jedem Sauternes aufnehmen kann. Erstmals gibt es von ihm auch einen trockenen Weine, der schlicht Bilancini blanc sec heisst mit einer sehr feinen Aromatik, cremig und weich.

Dann mal wieder eine der zahllosen Überraschung dieser Woche. Bei der Domaine Cauhapé stehen die Muster von zwei Jahrgängen der sagenhaften „Folie de Janviers“ auf dem Tisch. Das ist die Steigerung der Quintessenz, die ich im „Wein Compass“ beschrieben habe. Sie wird nur dann gemacht, wenn sich die Ernte bis in den Januar hineinzieht, was 1999 und 2000 der Fall war. Auch dies zwei Weine, die zu absoluten Weltspitze der Dessertweine zählen.

Im jetzt schon strömenden, von scharfen Böen gepeitschten Regen versuchen wir noch halbwegs pünktlich nach Pauillac zu kommen, wo wir um 14.30 einen Termin bei Latour haben. Regen, Baustellen, Stau und Ampeln machen das unmöglich. Wir handeln uns eine halbe Stunde Verspätung ein, die wir heute nicht mehr loswerden, und das auf Châteaux, wo man besonderen Wert auf pünktliches Erscheinen legt, wo die Termine im 30 Minuten Takt zugeteilt werden. Unsere einzige Hoffnung: Bei diesem Sauwetter wird niemand pünktlich sein können. Und so ist es denn auch.

Latour ist noch immer eine einzige Baustelle. Man muss einer weiträumigen Umleitung kreuz und quer durch die Weinberge folgen auf verschlammten Wegen kurven, um den Besucherparkplatz zu erreichen. Wir entschuldigen uns artig für unsere Verspätung. „Macht nichts“, meint die junge Hostess, um dann sehr bestimmt hinzuzufügen, „Sie können alles probieren, aber Sie haben nur noch zehn Minuten Zeit.“ So streng sind hier die Bräuche. Es werden dann doch ein paar Minuten mehr; denn die nächsten Besucher lassen auch auf sich warten.

Latour 2000 - über diesen Wein ist in den letzten Tagen immer wieder viel diskutiert worden und zwar sehr widersprüchlich. Von Ablehnung bis Begeisterung reichten die Urteile, die ich gehört hatte. Dieser Wein kann tatsächlich polarisieren und wird es auch in Zukunft tun. So massiv, so hart und kantig habe ich noch selten einen jungen Latour erlebt. Manche meinen, ein solcher Wein könne nie reifen. Latour hat uns aber schon so oft das Gegenteil bewiesen. Gegen alle Bedenkenträger halte ich ihn für den wahrscheinlich besten Pauillac diese Jahrgangs und für den besten Latour seit 1961.

Allerdings, wer diesen Wein unbedingt kaufen will, sollte nicht älter als 30 Jahre sein, wenn er ihn tatsächlich reif geniessen möchte; denn das wird erst in 50 Jahren der Fall sein. Natürlich kann man darüber streiten, welchen Sinn es macht solche Weine zu produzieren. Aber ist es nicht schön , dass es noch Menschen gibt, die sich um kurzfristige Erfolge einen Dreck scheren und die deshalb Weine machen, die uns überleben werden.

Auf Ducru Beaucaillou erleben wir gleich anschliessend eine der schönsten Kollektion des Jahrgangs jeder der drei Weine präsentiert sich perfekt als das, was er sein soll, reflektiert auf den Punkt das jeweilige Terroir: Haut Batailly – so gut wie vielleicht noch nie, Grand Puy Lacoste – der „Petit Latour“ mit einer totalen Mineralität und schliesslich ein überwältigend üppiger, saftiger Ducru Beaucailou.

Freitag, 30. März 2001

Jean-Luc Thunevin zum Zweiten. Finale Grande mit Leoville Las Cases und dem besten Calon Ségur seit dem legendären 47er.

Heute morgen fahren Ruth und Jürgen nach Paris zurück und dann weiter nach Eutin. Sie setzten mich am frühen Morgen am Ortseingang von Saint Emilion ab, wo ich mich nochmals mit Jean-Luc Thunevins unterhalten und mit seinen Weinen beschäftigen will. Marc wird mich dann Mittags im „Médiéval“ abholen und zu Dourthe bringen.

Langsam steige ich über das holprige Pflaster die schmale Strasse hinaus. Noch ist es ruhig in der Stadt. Auch bei Jean-Luc  Thunevin herrscht noch nicht das übliche Gedränge im Garten und den Verkostungsräumen. Einzig Jan van Lissum ist schon bei der Arbeit. Der Bus mit unseren japanischen Kollegen kommt frühestens in einer halben Stunde. Michel Puzio von Croix de Labrie ist auch schon auf den Beinen, hält mal wieder eine seiner kellerkalten Musterflaschen wie ein Baby im Arm, um sie auf Trinktemperatur zu bringen.  Ich habe selten einen Winzer erlebt, der ein so emotionales Verhältnis zu seinem Wein hat. Er ist in jede einzelne Flasche verliebt und „kennt sie mit Vornamen“. Allerdings sagt man Gracia, dem Baumeister, nach, er schlafe mit seinen Flaschen.

Die Thunevins Weine probieren sich heute morgen wesentlich besser als vor zwei Tagen. Ihre Differenziertheit ist bemerkenswert. Wie er es schafft die Typizität des Terroirs, der Appellation herauszuarbeiten, ist bewundernswert. Nicht nur dass sein Valandraud natürlich zur absoluten Spitze in Saint Emilion zählt, aber der Marojallia ist auch einer der besten Margaux, die ich in diesem Kampagne probiert habe. Sein La Fleur de Bouqueyran ist ein fabelhafter Moulis und sein La Fleur de Rose Saint Croix einer der besten Listracs. Ein Geniestreich ist in meinen Augen Château Branon. Das ist eine Selektion eines zwei Hektar grossen Weinbergs aus Pessac Leognan, der Garcin Cathiard gehört. Es ist der erste Jahrgang und auf Anhieb kommt Thunevin ganz nah an Haut-Brion heran. 6000 Flaschen gibt es davon und man sollte zugreifen, ehe der Wein zur Legende wird.

Doch Thunevin ist nicht nur in der Lage mit Mikrocuvées – Marie Helène, die Önologin von Dourthe, nennt sie am liebsten Bonsaï-Châteaux – Furore zu machen, sondern auch  mit einfacheren Weinen, die es in ausreichend grosser Menge gibt um die Märkte wirklich zu bedienen und nicht nur die Keller von ein paar Dutzend Sammlern. So z.B. mit Château Coucy-Maurèze. 150.000 Flaschen eines Montage St. Emilion für ca. 30 bis 35 FF prix de sortie am Platz von Bordeaux vinifiziert von Thunevin, kein grosser Wein, aber erstaunlich mineralisch, sehr elegant mit einer angenehmen Süsse. Oder Château Puy-Arnaud-Maurèze, ein 100 %er Merlot von den Cotes de Castillon, von dem es immerhin 30.000 Flaschen gibt.

Nach einigem Hin- und Herprobieren lege ich mich auch im zweiten Anlauf bei den vier Spitzenweinen fest: Nummer eins ist für mich Château Valandraud. Ich ziehe ihn doch dem L`Interdit de Valandraud vor. Beim Clos Badon de Thunevin ist es allerdings genau umgekehrt. Der L`Interdit gefällt mir besser als der Clos Badon. Jean Luc setzt ein schelmisches Grinsen auf, als ich ihm mein Urteil sage und sagt nur: „Moi aussi.“

Allerdings ist die Frage, welcher nun letztendlich nicht so interessant wie die Tatsache, dass man bei Valandraud und seinem L`Interdit ein wirklich bemerkenswerten Sinneseindruck notieren kann. Es ist, als blicke man in verschiedene Gesichter der gleichen Person, als könne man den Wein von zwei Seiten betrachten. Beim L´Interdit verstecken sich Terroir die Tannine hinter der nach vorne drängenden Opulenz der süssen Frucht. Beim Valandraud ist es umgekehrt. Hier stehen Tannin und Mineralität vor der Frucht, schützen sie wie eine Mauer oder ein festes Netz vor dem Ausströmen. Thunevin ist wirklich ein Zauberer.

Inzwischen füllt sich der Hof mit permanent höflich sich verbeugenden japanischen Sommeliers, die sichtlich vergnügt und fotografierend diesen sonnigen Morgen geniessen und natürlich den Empfang durch den Hausherren, der jeden mit Handschlag begrüsst. Der japanische Markt muss gepflegt werden und die jungen Damen und Herrn beginnen auch gleich sehr ernsthaft und wissbegierig mit ihrer Degustation. Sie bedienen mit ihrem Auftritt wirklich alle Klischees, die sich in unseren Köpfen  formiert haben.

Michel Puzio beschliesst mit seiner Frau und einem Freund dem Gedränge zu entfliehen und mir den Weg zum nächsten Bancomat zu zeigen und mich anschliessend zum Médiéval am Fuss der Altstadt zu begleiten, wo wir einen petit café nehmen.

Das ist der Treffpunkt in Saint Emilion. Hier beginnen und beschliessen viele Weinbauern und –händler den Tag. Frank Goiran, ein junger Faxiste, ist natürlich auch schon da und bietet uns an die Weine von Mitjavile Schwiegersohn Château Martet und Clos Debreuil im „Le Bouchon“ zu probieren. Jean-Marc ist inzwischen eingetroffen. Nadja und der kleine James sind dabei und gemeinsam steigen wir wieder das Kopfsteinpflaster hinaus zum Platz bei der Kirche.

Der Clos Debreuil gefällt mir erheblich besser als im vergangenen Jahr. 500 Kisten gibt es davon. Verrückt. James darf an meinem Glas nippen und kräht vor Vergnügen. Der vor Cassisfrucht nur so strotzende Wein gefällt dem kleinen Kerlchen. Es ist natürlich nicht sein erstes Tröpfchen. Er durfte bei Papa schon mal vom 67er Beychevelle, von Leoville Las Cases und Margaux kosten. Der Petit Prince von Château Maugey verspricht ein zweiter Heinrich zu werden, wenn er so weiter macht.

Anschliessend nehmen wir mal wieder den langen Weg über die Schnellstrasse, den Pont Aquitaine, die Rocade nach Parempuyre in Angriff. Ich komme gerade noch rechtzeitig zum Mittagessen bei Dourthe und kann mich auch noch von Peter Moser verabschieden, der nach Wien zurückfliegt. Die anschliessende kleine Pessac Verkostung bringt keine wirkliche Überraschung. Aber ich kann endlich Sociando Mallet probieren, von dem alle reden. Wieder ein sehr starker Wein. Das gleiche gilt für Tronquoy Lalande aus Saint Estephe. Die über 60 Jahre alten Reben dieses Weinberges haben einen wundervollen dichten und süssen Saft geliefert.

Auf der Fahrt ins Médoc beschliessen René und ich  doch noch unser Glück bei Leoville LasCases zu probieren und rufen Monsieur Delon an. Der Name CAPITAL wirkt mal wieder Wunder bei der Bitte um ein Rendezvous. Offensichtlich lesen fast alle Schlossherren unser französisches Schwesterblatt. Um 16 Uhr sollen wir bei ihm sein. 

René hat für mich einige interessante Zahlen vorbereitet. Er meint,  dass der 2000er ein typischer Jahrgang für den amerikanischen Markt werden wird, ein Parker-Jahrgang. Dann würden mindestens 15 Prozent der Subskriptionen nach den USA gehen. Allerdings folgten dann gleich Deutschland und Grossbritannien mit jeweils ca. 13 Prozent, Japan mit zehn Prozent sowie die Schweiz und Benelux mit jeweils ca. sieben Prozent. Der französische Heimatmarkt schlage bei der Bordeaux-Subskription nur mit fünf bis sieben Prozent zu Buche. Das heisst die drei wichtigsten Märkte – Deutschland, Frankreich und die USA – nehmen  in einem solchen wichtigen Jahr ca. 40 bis 45 Prozent der gesamten Bordeaux-Subskription auf.

Monsieur Delon freut sich sichtlich, als ich ihm ein Exemplar des Wein Compass überreiche und ihn auf die kleine Laudatio über seinen im vergangenen Jahr verstorbenen Vater hinweise. Der 2000er  Leoville Las Cases zählt ganz eindeutig zur Spitze des linken Ufers, mit seiner ausgewogenen Struktur, seiner Kraft und Eleganz ist er einer der grössten Weine dieses Gutes seit vielen Jahren und zählt für mich unter die TOP 5 des Médoc. Ob wir auch Nenin probieren könnten, wollen wir von ihm wissen. Erfreulicherweise macht er für uns noch einen Termin am Samstag morgen auf der Baustelle in Pomerol, wo derzeit die modernste Kellerei der Appellation entsteht.

Immer weiter fahren wir hinaus in den Westen, immer näher ans Meer. Die Landschaft wird karger, steiniger, die Seeluft immer deutlicher. Stop bei Cos d´ Estournel. Die beiden Empfangsdamen sind von der gleichen distinguierten Freundlichkeit wie immer obwohl es schon Freitag nachmittag und schon recht spät ist. Zum ersten  Mal wurden für den Zweitwein Les Pagodes 20 Prozent neue Eichenfässer benutzt. Der Grand Vin von Cos wirkt auf mich ein wenig wie ein Übersee-Cabernet: in der Nase viel Cassis, Schokolade  und Minze.

Als vorletztes Château dieses Tages steht Calon Ségur auf dem Programm. Soweit  fährt kaum ein Händler oder Journalist hinaus, aber wir haben von einigen, die dennoch hier waren gehört, dass der Calon Ségur dieses Jahrgangs etwas besonderes sei. Und er ist es tatsächlich! Er weckt Erinnerungen an den grossen unvergesslichen 47er. Der Duft kommt einem 30, 40 Zentimeter aus dem Glas entgegen. Wunderbar! Reife Brombeeren und Kirschen dunkelgebranntes Gebäck, Schmalz-Bagels, Krokant. Es ist einer der reichsten Weine des Jahrgangs, zeigt eine ähnlich Fülle wie Ducru Beaucaillou.

Die Inhaberin Madame Capbern-Gasqueton, eine freundlich aber resolute ältere Lady, erzählt uns wie wichtig in diesem Jahr das Terroir, genauer gesagt der Wasserhaushalt war. Kein Wunder; gab es doch Hitzestress im August und Regen Ende September, Anfang Oktober. Dank einer rigorosen grünen Ernte, bei der jede einzelne Beere, die nicht in Ordnung war herausgeschnitten wurde, waren die Trauben in einem sehr sauberen und gesunden Zustand, so dass zumindest ein Teil des Cabernets nach dem Regen perfekt gereift gelesen werden konnte. Der Merlot kam schon vor dem Regen komplett und mit idealer Reife herein.

Zu den Preisen will sie sich absolut noch nicht äussern. Letztes Jahr war dieser Wein für  knapp 40 Mark en primeur zu haben. Selbst wenn der Preis jenseits der 50 Mark liegen sollte, wäre dies ohne jede Frage das Schnäppchen des Jahres.

Letzter Punkt unserer Agenda und damit ist auch für uns fast das Ende der Kampagne erreicht: Montrose. Familie Charmolue ist vollständig versammelt und hat schon einige Zeit auf uns gewartet. Wir entschuldigen uns für unsere Verspätung. Selbst René, der ja hier zu hause ist und jeden Schleichweg kennt, unterschätzt immer wieder die Entfernungen. In der Empfangshalle des Château, in der die kleine Degustation aufgebaut bist,  bewundere ich eine ansehnliche Kollektion zeitgenössischer Kunst der Ecole de Bordeaux. Grossflächige farbenfrohe Bilder. Vor allem eine rot-blaue Komposition, die entfernt die Gestalt einer riesigen Languste erahnen lässt, fesselt meine Aufmerksamkeit. Der Hausherr registriert mit offensichtlichem Wohlwollen, dass mich seine künstlerischen  Neigungen ebenso interessieren wie sein Wein, der sich in diesem Jahr weniger schroff präsentiert als sonst bei Montrose  üblich. Die hohe Reife des Lesegutes hat auch diesen Felsbrocken geschliffen und eingekleidet.

Nach einem kurzen Abendessen mit Renés Familie – natürlich wieder im L`Atmosphère, das in dieser Woche wirklich zu unser aller Stammlokal geworden ist – gehe ich das erste Mal in dieser Woche früh schlafen. Fast geschafft!

 Samstag, 31. März 2001

Das "Rodeo" geht zu Ende. Besuch auf Nenin und Fototermin mit Alain Vauthier auf Château Ausone - für mich der Wein des Jahres. Versuch eines Resumées.

Kurz vor zehn steht  der unermüdliche René schon wieder auf der Matte. Er war bereits einkaufen und hat all die Käse besorgt, die sich Réka gewünscht hat. Unser letzter Termin: Château Nenin in Pomerol. So komplett wie in diesem Jahr habe wir noch nie probieren können. Was fehlt eigentlich noch: L`Hermitage, Latour à Pomerol, La Fleur. Na ja ein paar Lücken blieben fürs erste. Ein Grund mehr im Sommer wieder zu kommen.

Aber es war eine der anstrengendsten Verkostungswochen. So viele gute Weine auf einmal. Das gibt es wirklich selten. „Was sich in dieser Woche abgespielt hat, das war keine normale Kampagne, das war ein Rodeo“, meint René. Le Rodéo des Grand Crus – das gefällt mir.

Auf der Baustelle Nenin wird auch Samstags gearbeitet. Die beiden gewölbten Hallen sind  halb fertig und füllen sich allmählich mit Leben. Die blitzenden Tanks sind bereits installiert, im Chais für die Barriques fehlt noch die Wandverkleidung. Der vor zwei Jahren neu angelegte Hausweinberge wächst und gedeiht. Unverwüstlich wacht die grosse Zeder auf dem Platz vor dem alten Château über alles.

Im Verkostungsraum warten Le Fugue de Nenin und der Gran Vin von Nenin auf uns mit den Jahrgängen 2000 und 1999. Nicht nur der Jahrgangs- unterschied ist schmeckbar auch die Fortschritte, um die man sich hier so sichtbar deutlich bemüht. Der 2000er Nenin erinnert bereits wieder in allem an die frühere Charakteristik dieses Wein, die feine erdige Würze des Terroirs ist wieder da in Verbindung mit Kaffee- und Schokonoten, das deutlich dunklere Fruchtspektrum. Bravo, Monsieur Delon! Ein gelungenes Comeback für Nenin.

Nach einem kurzen Abstecher nach Ausone, wo wir einige Porträtfotos von Alain Vauthier machen, um die die Redaktion mich gebeten hat, liefert mich René wieder in meinem Standquartier Château de la Tour ab. Wir sind noch drei Gäste. Die Woche neigt sich jetzt wirklich dem Ende zu.

Endlich ein bisschen Freizeit. Zwei Dinge habe ich mir vorgenommen: Ein kleiner Spaziergang durch die regendurchweichten Weinberge und ein Besuch im  Supermarkt SHOPI von Salleboeuf. Hier kaufe ich mir etwas Escarol und Radieschen zum Mittagessen und zum Mitnachhausenehmen noch drei Dosen mit Makrelen (Muscadet, Poivre vert und Dijonais), die es nur hier gibt und die ich so gerne esse.

Glückliches Frankreich! Dieser Supermarkt (er ist auch am Sonntag geöffnet)  auf dem Dorf bietet eine bessere Gemüseauswahl als jedes Feinkostgeschäft in Hamburg, eine tadellose Fleischabteilung  und zum Wochenende vor der Tür einen Stand mit Meeresfrüchten: Muscheln, Meeresschnecken, Crevetten, Fische, Calamare, Pulpo und natürlich jede Menge Austern, fünf verschiedene Sorten zwischen 20 und 30 FF das Dutzend. Ich unterhalte mich ein wenig mit der freundlichen Austernhändlerin und beschliesse hier ein zweites Frühstück zu nehmen. Während sie die Austern für die kleine Degustation mit drei verschiedenen Sorten für mich auswählt und öffnet, kicke ich ein bisschen Fussball mit ihrer kleinen Tochter. Für das Dutzend samt Supplement  berechnet sie 30 Franc, erst ein Dutzend mittelgrosse, die etwas nussig, anisig schmecken, dann einige ganz kleine mit einem schönen salzigen Geschmack und schliesslich ein paar ausgesucht fette, ganz nussig und jodig.

Jetzt sitze ich hier in der Glasveranda des Hotels und blicke auf den Weinberg von Château de la Tour, höre Liszts Ungarische Rhapsodien und versuche ein erstes Resumée dieser Woche zu formulieren. René, der jetzt auch dran sitzt seine Notizen zu überarbeiten, meinte heute morgen, je mehr er darüber nachdenke, sei er sich sicher, dass es ein sehr grosser Jahrgang sei. Sehr gross. Das kann man kaum leugnen. Über 1990 und über 1982 darf man ihn wohl setzten. Ich würde ihn am ehesten mit 61 vergleichen. Ob ähnlich gut,  gar darüber oder doch knapp darunter? Um dies zu entscheiden ist es zu früh. das wird sich zeigen, wenn die Weine gefüllt sind. Aber eines ist sicher: den 45er erreicht der 2000er nicht. Dazu müsste halt auch ein Mouton granatenmässig gut sein. Und das ist er nicht!

Es gibt merkwürdige Schwächen bei einigen Gütern in Pauillac, aber auch St. Julien. Was ist da los?  Das bisschen Regen allein kann es nicht gewesen sein. Vielleicht sind in einigen Fällen die Erträge zu hoch. Möglicherweise werden zuviel junge Reben für die Produktion der Grand Vins herangezogen. Früher hiess es mal, für einen klassifizierten Grand Vin brauche man mindestens 25 Jahre alte Reben. Nicht im Schnitt! Mindestens! Dann hiess es, alles was jünger als 15 Jahre ist, kommt in die Zweitweine.

 In dieser Woche glaube ich ziemlich oft herausgehört zu haben, dass diese Grenze bei manchen auf zehn Jahre gesunken ist. Das würde einiges erklären. Solche Weine können einfach nicht die Tiefe und die Struktur haben und vor allem können sie noch nicht in der gewünschten Art das Terroir reflektieren. Aber so manchen Schlossherrn bzw. – herrin treibt offenbar in erster Linie die Geldgier um und weniger die Sorge um die Qualität oder gar der gute Ruf der Region.

 Sonntag, 1. April 2001

Ein Besuch auf dem Sonntagsmarkt von Libourne.  Abschied und Rückflug.
Eine merkwürdige Reiselektüre.

Abreise aus Bordeaux. Eine lange, anstrengende Woche geht zu Ende. Mein erstes Resumée für CAPITAL ist geschrieben. Es wird bereits am 19. April gedruckt auf dem Markt sein. Bis dahin muss auch das Tagebuch sowie der gesamte Vintage-Report im Netz verfügbar sein. Und da ist ja auch noch die Vinitaly, die am Donnerstag beginnt.

Über dem Tal von Salleboeuf liegt feindunstiger, weisser Morgennebel, der sich bei Sonnenaufgang langsam lichtet.  Der verspricht sonnig zu werden. Beim gestrigen Abendessen mit Freunden en famille (es gab Spargel mit Vinaigrette, Coquilles St. Jacques und Entrecote mit Zwiebeln und Champignons) habe ich Marc von meinem Austernerlebnis erzählt und er will mit mir heute Morgen nach Libourne fahren und den Sonntags-Markt zeigen.

In Monsieur Pierre Louis Deroube von der Transportfirma Hamann in Bruges habe ich gestern einen Bordelaiser Zigarrenfreund gefunden. So klein ist diese Welt: Er ist mit einer Düsseldorferin verheiratet und kennt Christoph Wolters vom Casa del Habano in Meerbusch. Dort kauft er die meisten seiner Zigarren oder bei Vahé Gérard in Genf. Er hat einige tadellos  gereifte Robustos von Juan Lopez dabei und so wird der Abend länger als ursprünglich gedacht.

Pünktlich um neun ist Jean-Marc zur Stelle. Mit James hat er einen zuverlässig auf sieben Uhr morgens programmierten Wecker. Ein  strahlend schöner Sonntagmorgen. Halb Libourne ist schon auf den Beinen und jede Menge Besucher aus dem Umland. Der Markt ist von einer hierzulande nicht vorstellbaren Vielfalt, einem Reichtum der Gemüse und  Meeresfrüchte, der Fleisch, Wurstwaren und Käse, der den blanken Neid weckt und traurig macht.

Etwas Platz im Gepäck habe ich noch, also kaufe ich ein: junge Artischocken, einen wunderschönen gut gereiften Brebis von eineinhalb Kilo, frisches knuspriges Correzienne-Brot und bei Jean Marie Lafon, Jean-Marcs Fischhändler, geräucherte Heringe in einer hübsch bedruckten nostalgischen Spanschachtel.

Man merkt, es ist der 1. April. Überall gibt es die „Poisson d´Avril“. Das ist ein Gebäck in Form eines Fisches aus Briocheteig mit creme patissière, Blätterteig mit Mandelcreme, als Erbeertorte. Was bei uns der Osterhase ist, ist für die Franzosen der Fisch, das alte Symbol der Urchristen für Jesus Christus. 

Bei Jacques Maire, dessen Familie seit drei Generationen bei der Isle d´Orée Austern züchtet, lassen wir uns einige besonders prachtvolle Exemplare schmecken. Als ich Jacques Maire erzähle, dass ich aus Hamburg komme, meint er:“ Da war ich auch mal, vor 30 Jahren mit dem Flugzeugträger Foch.“ Ich kann mich gut an diesen Flottenbesuch erinnern; denn als junger Volontär habe ich damals für dpa eine Reportage über den Landgang der französischen Matrosen geschrieben: 2.000 Pom-Poms in St. Pauli. Er muss  einer von Ihnen gewesen sein.

René bringt mich zu Flughafen. Ich freu mich jetzt richtig auf zu Hause auf ein gemütliches Abendbrot am Küchentisch statt eine lauten Dinners im rauchigen Restaurant. Viel Käse habe ich im Gepäck, den sich Réka gewünscht hat, und natürlich meine heissgeliebten Makrelen. Vielleicht mache ich heute Abend gebackenen Camembert nach Art des L`Atmosphère. Mir läuft jetzt schon das Wasser im Munde zusammen.

Im Flugzeug gibt es u.a. die Welt am Sonntag als Lektüre. Ich schlage die Lebensartseite auf, meine frühere Wirkungsstätte. Stuart Pigott schreibt in seiner Kolumne über den Bordeauxjahrgang 1997. Hübsch und ein wenig süffisant geschrieben wie es sein Stil ist. Aber – so frage ich mich – ist das der richtige Zeitpunkt für diesen Artikel? Voller Spannung warten alle Weinfreaks und – händler auf die Veröffentlichungen der ersten Degustationsnotizen über den Bordeaux-Jahrgang 2000. Auf dem Platz Bordeaux wird eine neue Preisrunde eingeläutet. Erstmals soll der Primeurpreis für einen Premier Cru auf 1000 FF steigen. So steht es heute auch in der neuesten Ausgabe der Revue des Vins de France zu lesen. Das wäre ein historischer Augenblick. Eine neue Hausse steht möglicherweise an der Weinbörse bevor, und was macht die „Welt am Sonntag“, einst Speerspitze der Weinberichterstattung unter den deutschen Publikumsblättern? Sie lässt ihren Kolumnisten über Qualität und Preise des Jahrgangs 1997 raisonnieren und zwar aus Anlass einer Probe in einem Berliner Kaufhaus. Das ist, wenn auch mit spitzer Feder gut geschrieben, der dreimal geschmolzene Schnee von Vorvorgestern.

 Was ist das? Ein Aprilscherz? Berliner Hauptstadthypris oder Ausdruck tiefster Weinprovinz. Stuart kann dafür nichts. Er macht seinen Job und er macht ihn den Umständen entsprechend gut. Die Erkenntnis, dass Lafite 97 nicht das Gelbe vom Ei ist, ist nicht neu. Das weiss inzwischen jeder, der sich dafür interessiert. Und auch die Favoriten der Berliner Probe sind die gleichen, die man schon vor drei Jahren überall nachlesen konnte. Und was das Preislamento anbetrifft, gilt die Kritik an den zu hohen Preisen für den 97er nur solange, bis mit dem Jahrgang 2000 die Preisschraube kräftige angezogen worden ist. Dann sind die 97er über Nacht optisch wieder preiswert.

 

TASTINGNOTES

Ab Anfang April  werden wir an dieser Stelle fortlaufend die ausführlichen Degustationsnotizen des Jahrgangs 2000 publizieren.

 

 
 

e-Mail: info@degustation.de

Copyright © 2002 - 2011 Verlags- und Redaktionsbüro Mario Scheuermann
Ziegeleistrasse 32, D-22113 Oststeinbek-Havighorst. All rights reserved.

Datum der letzten Aktualisierung: 06.02.2012