Bordeaux 2002

 

 Der Jahrgang, den keiner wirklich braucht

Es wird nicht an Versuchen von Seiten mancher Händler und Erzeuger fehlen, auch diesen Jahrgang sich schön oder wenigstens passend zu reden. Man kann ihn kaufen, aber haben muss man ihn nicht unbedingt haben. Er ist viel problematischer als der 2001er oder auch der 1997er – beides Jahrgänge, die ich querbeet wegen ihrer viel homogeneren Art vorziehen würde und die sträflich unterschätzt werden. Die Keller sind voll davon. Also wozu 2002 subskribieren? Vielleicht  den einen oder anderen  Wein aus der Reihe der „Premiers“ wie Margaux, Latour, Mouton, Cheval blanc und Ausone, „Seconds“ wie Calon Ségur und Leoville-Lascasse und auf dem rechten Ufer Weine wie Rol Valentin, La Mondotte, L`Eglise-Clinet, Pavie oder Monbousquet. Es gibt einige sehr schöne Zweitweine und interessante kleinere Gewächse wie Kirwan, Grand Puy-Lacoste, La Lagune, Langoa-Barton, Potensac. Aber die meisten dieser Weine sind natürlich auf dem bisherigen Preisniveau nicht mehr marktkonform.

Das könnte sich aber schnell ändern; denn die Preise für Bordeauxweine werden derzeit vom Markt diktiert und nicht mehr von den Château-Besitzern und den Courtiers gemacht. Einige haben dies auch klar erkannt und so spricht man davon, dass die Premiers zu Preisen von 50 bis 60 Euro die Flasche auf den Markt kommen werden. Wenn dies tatsächlich so einträfe, wäre dies eine marktgerechte Korrektur auf ein Drittel der Rekordpreise, die vor zwei Jahren für den Milleniumjahrgang 2000 bezahlt werden mussten. Wenn der Mittelbau des Systems Bordeaux da mitzieht, dann werden  diese Weine schlagartig wieder interessant. Einer der ersten der diese Konsequenz gezogen hat, ist Jean-Marc Maugey, der seinen 2002er Château Maugey zu einem Preis von 15 Euro für den Handel auf den Markt bringen wird, genau ein  Drittel des Preises für den 2000er, der 45 Euro gekostet hat.

Der Jahrgang 2002 ist keineswegs „ein sehr guter“ Jahrgang wie in ersten Prognosen berichtet wurde. Er war für die Winzer problematisch und schwierig. Die Ernte war so klein, dass viele offensichtlich auf die eigentlich notwendigen strengen Selektionen verzichtet haben und froh um jede Traube waren, die sie hereinholen konnten. Einzelnen Erzeugern - zumal einigen der Premier Crus  - sind angesichts der realen Schwierigkeiten wirklich bewundernswert gute Weine gelungen. Dies war natürlich nur durch strengste Selektion möglich. Doch das Gros der Weine versinkt im Mittelmass.

Da hilft alles Schönreden, alle langfristigen Wettervergleiche etc. nichts. Natürlich war 2002 statistisch gesehen ein sehr trockenes Jahr, aber es hat auch in entscheidenden Phasen oft die Sonne gefehlt und es hat halt zu den falschen Zeitpunkten geregnet. Der klimatisch ungünstige August hatte eine wirklich perfekte Reife der Trauben verhindert. Dazu kamen partiell Verrieselungen bei der Blüte, Hagel im September etc.. Die Natur hat 2002 kaum einen ihrer Streiche ausgelassen um die Bordelaiser Winzer zu ärgern. Da war selbst durch heftigen Einsatz neuer Techniken wie Konzentration durch Umkehrosmose nicht mehr viel zu retten. Im Gegenteil. Viele dieser so behandelten Weine wirken überextrahiert süss, alkoholisch und haben ihre Balance vollends verloren. Bleibt abzuwarten, ob hier ein massiverer Barriqueausbau oder auch gelegentlich ein Verschnitt mit 2001 vielleicht im einen oder anderen Fall während der nächsten 18 Monate noch Wunder wirken wird.

2002 – das ist ein Jahrgang der grands terroirs, sprich der ersten und zweiten Gewächse, die  zwar nicht unbedingt gross, aber wenigstens alle gut bis sehr gut sind und vor allem eins: sie haben ihre klassischen Typizität; d.h. ein Château Margaux ist ein klassischer Margaux, ein Château Latour ein klassischer Latour. Das gleiche gilt auch für Cheval blanc und Ausone, für Calon-Ségur, Leoville-Las Cases um einige Beispiele zu nennen. Wobei früher erntende Appellationen wie Margaux eher benachteiligt und spät reifende und erntende wie Saint-Estèphe und die jenseits davon gelegenen Teile des Médoc im Vorteil waren. Das windige Saint-Estèphe ist für mich auch die Appellation dieses Jahrgangs vielleicht zusammen mit Saint-Julien und Teilen des Pauillac. Im Libournais auf der anderen Seite des Flusses rangiert 2002 Saint-Emilion eindeutig vor Pomerol. Auch Graves und Pessac-Léognan gehören zu den eher schwächeren Appellationen.  Aus Sauternes würde ich nicht einen der probierten Weinen aus vollem Herzen empfehlen wollen. Da gibt es in Deutschland, Österreich und Ungarn ganze Hundertschaften von Botrytisweinen, die den 2002er aus Sauternes um Klassen überlegen sind.

TASTINGNOTES

 

 
 

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Datum der letzten Aktualisierung: 03.09.2010