Ein Jahrgang wie
Himmel und Hölle
Was auch immer sie erzählen werden: 2003
ist in Bordeaux k e i n Jahrhundertjahrgang. Ein Jahrhundertereignis sehr wohl!
Vor allem klimatisch, aber auch im Hinblick auf die totale Diskrepanz der
Qualitäten: ein „Himmel und Hölle Jahrgang“.
Selten habe ich bei den Primeur-Verkostungen so viel Ratlosigkeit und
Unsicherheit erlebt, so viele Fragezeichen in den Augen meiner Gesprächspartner
gesehen, aber auch so viele törichte Parolen und voreilige Prognosen vernommen
wie in dieser Woche. Eine Stimmung zwischen Euphorie und Verunsicherung machte
sich mit den Tagen allenthalben breit. Wer sich bei der Entscheidung für seine
Primeurkäufe blind auf Pauschalurteile wie „Der Cabernet ist dem Merlot
überlegen“ verlässt oder „diese Tannine werden nie reif“ läuft Gefahr nicht nur
Geld zu verlieren sondern möglicherweise die falschen Weine und (was schlimmer
ist) Ungeniessbares im Keller zu haben; denn die Wahrheit liegt ziemlich
vertrackt dazwischen.
2003 ist ein vor allem eins, ein dramatischer Jahrgang. Wie ist es möglich, dass
auf so engem Raum wie im Médoc oder im Libournais der gleichen Jahrgang
Kreszenzen hervorbringen kann, die manche Verkoster mit einem gewissen Recht als
„Jahrtausendweine“ ansehen, und am anderen Ende Trinkmarmeladen, die eher
entsorgt als getrunken werden sollten. Man wird noch sehr lange über diesen
Jahrgang und seine Weine diskutieren. Dies könnte ihm dann tatsächlich eines
Tages das „Jahrhundertprädikat“ einbringen, nämlich als meistdiskutierter
Jahrgang der letzten hundert Jahre.
Ganz ohne Frage gibt es in 2003 aussergewöhnliche und auch faszinierende Weine
wie den als deuxieme cru klassifizierten Château Leoville Las Cases, der
für mich alle verkosteten premiers (Latour habe ich leider fürs erste
verpasst) übertraf, selbst den sensationell guten Lafite, den geradezu
prototypischen Mouton, den extravaganten Margaux. Die ersten Jahre des 21.
Jahrhunderts werden ganz sicher als eine Goldene Ära in die Geschichte von
Léoville Las Cases eingehen.
Daneben gibt es 2003 aber eben
halt viele Weine (auch namhafte), von denen man sich fragt, was daraus werden
soll und warum man sie nicht eliminiert oder wenigstens deklassiert hat.
Diesen Mut hatte man nur auf Le Pin in Pomerol. Jacques Thienpont wird zitiert
mit dem Satz « Je ne peux pas faire un Le Pin avec du pain grillé.“ Weil man
hier das falsche Laubmanagement wählte, wurden die Trauben am Stock geröstet.
Das ist leider vielen passiert in 2003.
Wer aber wie Christian Moueix (Pétrus)
im Juni die Laubarbeit komplett eingestellt hat und auf fast alle Spritzungen
verzichtete, hatte zumindest in den grossen Terroirs Schatten spendende
Laubwände bis zu Ernte. Auf Haut Brion und La Mission Haut Brion waren sie so
üppig, dass man zum Erntebeginn die Rebzeilen für die Erntehelfer frei schneiden
musste. Ergebnis: Weine mit überraschend starker Säure (Haut Brion) oder einer
geradezu irrationalen Eleganz (Petrus).
Eines ist sicher und wurde mehr oder minder von allen Gesprächspartnern während
dieser Woche bestätigt. Klimatisch lässt sich 2003 wohl wirklich nur mit 1947
vergleichen. Es ist ein bis hinein in viele Details verblüffend identischer
Verlauf des Wetters inklusive der heatwave im August. In Zahlen: halb
soviel Wasser wie im Schnitt der letzten 40 Jahre, 41 Tage über 30 Grad, einige
Tage jenseits von 40 Grad mit den höchsten hier je gewesenen Temperaturen und
einer Wärmesumme von 6.594 in den Monaten Juni bis August gegenüber 5.533 im
Schnitt der Jahre 1973 bis 2002.
Nun hat natürlich keiner von uns auch nur die leiseste Vorstellung davon wie
dieser legendäre Jahrgang 1947 vor über 50 Jahren en primeur geschmeckt
haben mag. Selbst der bald achtzig Jahre alte André Lurton, mit dem ich zweimal
das Vergnügen hatte auf seinem Château La Louvière zu dinieren, mochte sich kaum
daran erinnern. Vielleicht war er genau so unausgewogen wie der 2003er. Oder die
Menschen damals wurden mit einem solchen Jahrgangsmonster besser fertig als die
heutige Generation. Fragenzeichen.
Nur, wie könnte dies möglich sein? 1947 kurz nach Kriegsende – auch im Bordelais
keine rosige Zeit, sondern eine Zeit des Mangels. Flaschen und Fässer waren rar,
das Geld knapp. Ein Grund dürfte gewesen sein, dass damals die Rebbestände im
Schnitt wesentlich älter waren als heute und wegen ihrer tieferen Verwurzelung
weniger Probleme mit der Wasserversorgung gehabt haben. Die Menschen hatten
andere Sorgen und keine Zeit für aufwendige Laubarbeiten im Sommer oder für
übermässig lange Maischestandzeiten im Herbst, die hätten zu Überextraktionen
führen könne. Wenn ihnen die Gärung Durchzugehen drohte, das wissen wir aus
Berichten, warfen sie einfach grosse Stangen Biereis in die Cuves.
„Some times less is more“, meinte ein verschmitzt aber selten glücklich
dreinschauender Christian Moueix. Damals waren dies aus der Not geborene
Nachlässigkeiten. 2003 kamen dagegen manch einem Erfahrungen aus Übersee zu Hilfe, wo man
das canopia-management aus dem eff eff geherrscht. Bei der Ernte freilich
und der Traubenselektion am Sortiertisch konnte man nicht Aufwand genug
betreiben. Bei Mouton waren es beispielsweise acht Erntedurchgänge statt sechs
im Jahrgang 2002. Im übrigen galt auch der 1947er seinerzeit als ein sehr
schwieriger Jahrgang. Zu einem der grössten Bordeaux-Jahrgänge des Jahrhunderts
wurde er erst viel später in der Verklärung einer Ikone namens 1947 Cheval blanc.
Speziell im Médoc ist der Jahrgang 2003 auch ein Jahr der grossen Terroirs vor
allem in St Estèphe und St. Julien, in Teilen des Haut-Médoc und Pauillacs,
weniger in Margaux und seinen Nachbarn Moulis und Listrac. Überall dort, wo
Steine und Kies über wasserführenden und -haltenden Lehmschichten liegen, wo Ton
und Kalkstein vorkommen, waren die Winzer mehr oder weniger auf der sicheren
Seite. Sandige Böden dagegen waren benachteiligt. Vorteile brachten auch Winde
von der See, die für Kühlung in der Nacht sorgten (St. Estèphe) oder Lagen, die
durch eine leichte Ostdrehung etwas früher in den abendlichen Schattenbereich
fielen (Ausone).
Wie extrem auf engstem Raum die Unterschiede sein konnten, wird am Beispiel der
Nachbarn Pétrus, Le Pin, L`Eglise-Clinet und Vieux Château Certan deutlich, die
alle vier in Sichtweite zueinander auf dem Plateau von Pomerol liegen. Petrus
besitzt tonhaltige Unterschichten, die das für die Rebstöcke notwendige Wasser
besser speichern. Le Pin’s tonhaltige Kiesböden sind eine natürliche Dränage und
damit wesentlich trockener - zu trocken für das Klima in 2003. In feuchten
Jahren wie 1991, als Pétrus keinen Wein produzieren konnten, profitiert hingegen
Le Pin. Vieux Chateau Certan und L`Eglise Clinet waren dagegen bevorteilt durch
die teilweise extrem alten Merlot-Anlagen. Es war immer ein Zusammenspiel
mehrerer Faktoren - menschlicher wie natürlicher - das in diesem Jahr zu Erfolg
oder Misserfolg führte. Und diese Faktoren änderten sich oft genug von Betrieb
zu Betrieb und manchmal sogar innerhalb des gleichen Cru.
Um diesen Jahrgang besser zu verstehen können, sollte man sich auch einige Zahlenreihen
ansehen wie z.B. die Entwicklung der natürlichen Alkoholgrade von Mitte der 90er
Jahre bis heute der Weine eines Winzers wie Jean-Marc Maugey der von der
Möglichkeit der Chaptalisierung aus prinzipiellen Gründen nie Gebrauch macht. Im
Jahrgang 1996 waren es 12 % Vol. und 1997 rund 12,5 % Vol.. Im Jahr 2000
erreichte er erstmals 13 % Vol. und im Jahrgangs 2003 liegt er bei knapp 14 %
Vol.. Zum anderen ist es interessant sich die Erträge einiger hoch bewerteter
Weine des Jahrgangs 2003 anzusehen: Château Ausone 29 hl/ha, Château
Mouton-Rothschild 28 hl/ha, Château Maugey 25 hl/ha, Château Leoville Las Cases
21,2 hl/ha, Château Gracia 16 hl/ha, Château Croix de Labrie 13,5 hl/ha.
Diese Woche war eine chasse à courre, eine wahre Hetzjagd. Niemals zuvor
waren mehr Besucher gekommen, niemals zuvor wurden so viele Weine vorgestellt.
Kein Randappellation bis nach Bergerac, die nicht versuchte sich an die Grand
Crus anzuhängen. Dazu die neu formierten Cru bourgeois, Bordeaux A.C. und die
Bordeaux Supérieurs, die unzähligen Garagen-Weingüter des rive droite. In diesem
Chaos nicht Überblick und Massstab zu verlieren war eine Kunst.
Der Andrang übertraf alles bisher da
gewesene, selbst die Kampagne des Frühjahrs 2001, als der Milleniumjahrgang 2000
präsentiert wurde. Fast 4.000 Fachleute liessen sich registrieren. Die Union des
Grands Crus (UGC), der Verband der klassifizierten Bordealaiser Gewächse, zählt
über 13.000 Châteaux-Besuche - 28 Prozent mehr als beim 2000er. Unübersehbar war
vor allem die Rückkehr der Amerikaner und der asiatischen Käufer allen voran der
Japaner auf den Markt Bordeaux.
Bei aller Euphorie, die einige Erzeuger, Händler und Kommentatoren nach wie vor
verbreiten, mahne ich eindringlich zu Vorsicht. Am besten hat es Christian
Moueix beschrieben, als er auf die Frage, wie er den Jahrgang einschätze,
antwortete: „The year of the phantastics and the disasters“. Dies trifft es auf
den Punkt. Man wird mit einem massiven Barriqueausbau einiges korrigieren
können. Möglicherweise wird mancher seinen Wein aus 2003 mit einem Schuss 2002er
verdünnen. Aber die, deren Weine nur süss und ansonsten leer sind, oder denen
mit den oxydativen Röstpflaumentönen wird kaum zu helfen sein.
Wenn James Suckling als Frühstarter unter den Degustatoren gleich 23 Mal die
Bewertung 95 – 100 Punkte im Wine Spectator aufruft, ist dies für mich
eigentlich nicht nachvollziehbar, auch nicht nach längerem Überlegen. Ich weiss
nicht, was er probiert hat. Aber es müssen teilweise andere Wein gewesen sein.
Gruaud Larose z.B. fand ich völlig daneben und stehe mit dieser Meinung auch
nicht ganz alleine.
Nur wenige Male bin ich in dieser Woche
versucht gewesen die 100-Punkte-Karte zu zücken, und habe es auch einmal getan.
Nicht beim 2003er Leoville Las Cases, den ich ganz nahe bei der Vollendung sehe,
ähnlich wie Mouton und Lafite, sondern für einen Spanier. Bei Jean-Luc Thunevin
gab es den 2003er Pingus und der war nun wirklich phänomenal! 98, 99, 100
Punkte. Meinetwegen auch 105! Denn dieser Wein hat wirklich alles, was einen
ganz grossen Wein in der Jugend auszeichnen kann, wenn die Relationen stimmen:
Dichte und Konzentration, Saft und Struktur, Frucht, Tannin und Alkohol. Il
manque rien!
Hier finden Sie weitere Original-Berichte und Notizen über Bordeaux 2003:
James Suckling
Wine Spectator (New York)
Redaktion
Decanter (London)
Peter Moser
Falstaff (Wien)
TASTINGNOTES
2003
|