Zurück zu den Zeiten
der Normalität
Was ist das für ein Jahrgang? Diese Frage wird uns noch einige Zeit
beschäftigen. Die Bordelaiser Erzeuger bieten drei Einschätzungen an. Es sei ein
Jahrgang von klassischem Zuschnitt sagen die einen. Im Médoc träumen manche
sogar davon der Jahrgang sei so gut oder fast so gut wie 1996. Das ist pure
Hybris und sollte schnell ad acta gelegt werden. Andere sprechen lieber von der
Rückkehr der Normalität. Fragt sich nur, welche Normalität da gemeint ist? Die
aus der ersten Hälfte der 1990er Jahre oder vielleicht doch die unseligen 1970er
Jahre?
Versuchen wir es zunächst mal negativ einzuschränken.
Dieser Jahrgang ist definitiv nicht gross. Er ist aber auch nicht wirklich
schlecht; denn es gibt durchaus bemerkenswerte Weine. Es gibt aber auch mit
Ausnahme vielleicht von Saint Estèphe keine Appellation, von der man sagen
könnte, hier seien die Weine durchweg gut gelungen. Überall das gleiche Bild:
eine extreme Spreizung der Bewertungen auch und vor allem bei den
klassifizierten Gewächsen. Ich kann mich nicht erinnern so etwas schon mal
probiert zu haben.
Einer meiner Gastgeber brachte es beim abendlichen Dinner ausf den
Punkt: Reden wir nicht drum herum. Der Jahrgang ist unbefriedigend.
Ein paar Fakten lassen sich 2004 in Bordeaux einfach nicht wegdiskutieren:
- Grosse
Jahre waren immer auch heisse Jahre: 1961, 1982, 1990, 2000. Das Jahr 2004
war aber definitiv kein heisses Jahr. Vor allem im August fehlte es an der
nötigen Wärmesumme um wirklich ausgereiftes Traubenmaterial zu erreichen.
Daran konnte auch die sich anschliessende Schönwetterperiode wegen der immer
kürzer werdenden tage nichts mehr wirklich ändern. Warum erklärt folgende
Bauernregel: zwei Sonnentage im Oktober entsprechen einem Sonnentag im
September und einem halben Sonnentag im August.
- Grössere
Regenfälle im August und zur Erntezeit verwässern einen Jahrgang und dies
kann durchaus irreparabel sein. Beides ist 2004 passiert. Es ist
bezeichnend, dass die meisten Châteaux die heftigen Oktoberregen in ihren
Jahrgangsreports schlicht verschweigen.
- Es gab
Möglichkeiten der Korrektur im Weinberg z.B. frühes und mehrfaches
Entlauben im Juni und Juli, eine doppelte bis dreifach grüne Ernte zur
Reduzierung der anschwellenden Erträge. Fakt ist: einige haben das gemacht,
andere nicht oder zu spät. Das erklärt die stark unterschiedlichen Erträge,
die von 15 oder 20 hl/ha bis um die 70 hl/ha reichen. Und das kann man
schmecken.
Und dann gab es natürlich noch die Möglichkeit der
nachträglichen Konzentration des Mostes, des maschinellen Wasserentzuges.
Viele die darauf vertrauten, haben jetzt Missgeburten im Fass liegen:
Frankensteins Jammertropfen. Die oftmals labile, wenig harmonische Struktur des
Ausgangsmaterials eignete sich einfach nicht zum konzentrieren.
Wenn ich einmal die Boutique- und Garagenweine, die
zahllosen Special Cuvées beiseite lasse (unter denen es eine Reihe
herausragender Weine gibt) und mich allein auf die wirklichen Château-Weine
beschränke, dann sind meine Favoriten dieses Jahrgangs schnell aufgezählt. Es
reichen die Finger einer Hand: Ausone, L`Eglise-Clinet, Latour, Montrose, Pavie.
Das sind wahrhaftig Klassiker.
Im erweiterten Kreis der zumindest interessanten Gewächse
sehe ausserdem etwa zwei Dutzend Weine, meist glanzvolle Namen der üblichen
Verdächtigen von Cos d´Estournel, Lafite, dem Duo Haut-Brion und La Mission,
Margaux und die Comtesse vom linken und Cheval blanc, Pétrus, Trotanoy,
L`Evangile, Pavie-Decesse und La Mondotte auf dem rechten Ufer. Dazu gesellen
sich einige Newcomer wie Magrez Tivoli und vor allem Gracia, Clos Badon, Rol
Valentin.
Wenn man bedenkt, dass mir im Médoc einige sicherlich
interessante Weine wie Calon Ségur, Léoville Las Cases und Palmer aus Zeitmangel
leider entgangen sind, ist das Verhältnis an der Spitze zwischen den beiden
Ufern also einigermassen ausgeglichen. Das gilt auch fürs andere Ende der
Punkteskala. Was diese betrifft, sehe ich in 2004 keinen Wein wirklich eindeutig
jenseits von 95 Punkten. Solche Bewertungen rechtfertigt der Jahrgang 2004 auf
keinen Fall. Ich denke, da sind unsere angelsächsischen Kollegen auf dem
Holzweg.
In jedem Fall wird es ganz von den Preisen abhängen wie und
ob überhaupt dieser Jahrgang am Markt reüssieren wird. Ich hatte zum Beginn des
Jahres einmal geschrieben, dass nach der Logik der Bordeaux-Preischarts die
Preise auch bei einem guten bis sehr Jahrgang um 20 bis 30 Prozent nachgeben
müssten. Nun ist der Jahrgang alles andere als das. Die Preise sollten
mehrheitlich also mindestens auf das Niveau von 2002 zurückgehen. Besser noch
drunter liegen. Ansonsten kann ich nur raten: Hände weg von einer Subskription!
Dann wäre es gescheiter bis zur arrivage der Weine zu warten.
Für Investitionen, Spekulationen oder gar für
Weinfond-Manager, die Rendite binnen weniger Jahre vorweisen müssen, ist dieser
Jahrgang das absolut untaugliche Objekt. Andererseits sollte der private Käufer
folgende Überlegung in sein strategisches Kalkül mit einbeziehen: sollten die
Preise stimmen und sich der Handel auf die wenigen Weine konzentrieren, die eine
Subskription rechtfertigen, könnten diese allerdings schon in der Subskription
schnell im Preis anziehen.
Mehr aktuelle Berichte über den Jahrgang 2004 finden Sie
im Weblog planet bordeaux
Falls Sie sich mit anderen Weinfreunden
über den Jahrgang 2004 austauschen möchten steht Ihnen ein spezieller Thread im
Online-Forum
talk about wine zur Verfügung.
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