Achterbahn-Jahrgang mit
Schleudergefahr
Ein „russisches Gebirge“ (montagne russe) nennen de
Franzosen eine Achterbahn oder besser gesagt, das was bei uns altmodisch auch
Berg- und Talbahn genannt wird. Der Name stammt aus einer Zeit als es noch ohne
loops tatsächlich nur rauf und runter ging auf diesen Rummelplatz-Attraktionen.
Im Wörterbuch steht natürlich auch als Übersetzung „grand huit“ (grosse Acht),
aber der volkstümliche Ausdruck gefällt mir besser. Er lässt der Phantasie Raum,
lässt Assoziationen zu Begriffen zu wie russisches Roulette oder auch
potemkinsches Dorf. Das sind Metaphern für Unsicherheit, für Vorspiegelung, für
Täuschung. In sofern taugt dieser Begriff auch sehr gut zur Beschreibung des
Jahrgangs 2006 in Bordeaux.
Selten habe ich eine so harte Primeur-Woche erlebt wie in
diesem Jahr. Die Qualitäts-Unterschiede bei den zu verkostenden Mustern war
extrem. Von grottenschlecht bis verblüffend gut bot sich der Verkosterzunge fast
die gesamte Palette der Möglichkeiten an. Man musste ständig hochkonzentriert
verkosten; denn es gab auch innerhalb der einzelnen Appellationen meist kein
durchgängiges Level. Sieht man mal vielleicht von Fronsac ab oder in Pomerol
von den Gütern, die auf dem Plateau liegen, und für meinen persönlichen
Geschmack auch Saint Estèphe.
Das war wirklich Tag für Tag eine permanente
Achterbahnfahrt. Weine die schlicht verwässert waren und Unreife zeigten. Weine,
die man mit einem geschickten Saigné halbwegs gerettet hat. Weine die nach dem
Verlassen der Konzentrationsmachinerie entweder massakriert oder zu Monstern
aufgebläht waren - vorne süss und hinten bitter. Es gab aber auch solche, die
auf einem mittleren Level ganz ehrlich ihr Terroir und die bescheidenen
Möglichkeiten des Jahrgangs mit Anstand widerspiegelten. Und es gab solche die
durch vehemente Selektionen, extremen Arbeitsaufwand, teilweise durch eine
langes Pokern mit der Natur verblüffende Qualitäten aufwiesen. Dies waren in
erster Linie die ganz Grossen, also die Premiers und die Superseconds des linken
Ufers, für die die Höhe der Lesekosten letztlich keine Rolle spielt, aber auch
kleine Winzer mit überschaubarem Besitz, den man notfalls in einem oder auch in
zwei, drei Tagen ernten konnte. Diese zu finden war die Kunst der Verkostung.
Diese Achterbahn des Geschmacks war ein gnadenlos
getreues Spiegelbild des Witterungsverlaufes, über den inzwischen so viele
geschrieben wurde. Egal was auch der einzelne Erzeuger erzählte um zu erklären,
warum es ausgerechnet bei ihm nicht zutrifft, hier nochmals die Kurzversion: die
erste Hitzeperiode es Sommers reichte aus um relativ früh bereits beachtlich
Zuckerkonzentrationen aufzubauen (allmählich so hat man den Eindruck gewöhnen
sich die Reben daran). Der August war aber viel zu kühl um eine Ausreifung des
Traubenmaterials zu ermöglichen. Ergebnis: viel Zucker und unreife Tannine. Dann
kam im September die Regenperiode, die den Saft der Trauben verwässerte. Eine
Situation mit der manche Terroirs aufgrund ihrer Möglichkeit Wasser schnell
abfliessen zu lassen oder in tiefen Schichten zu speichern, schnell
abzutrocknen durch Windexpositionen besser klar kamen als andere, in denen sich
die Nässe staute. Da die Regenfälle strichweise fielen, war ihre Verteilung auch
höchst unterschiedlich. Die Lese sei in den besonders betroffenen Lagen „ein
Albtraum“ gewesen, berichteten viele Winzer. Wer es schaffte in einer der kurzen
Trockenperioden zu lesen oder gar bis in den Oktober zu warten, konnte am Ende
durchaus erstaunliche Qualitäten einbringen, allerdings dann mit Erträgen, die
deutlich unter 20 hl/ha lagen, eine Menge die sich für normale Winzer kaum noch
rechnen lässt.
Und damit wären wir bei der dritten Kurve und die könnte
für Bordeaux die gefährlichste werden: Die Entwicklung der Primeur-Preise.
Natürlich bräuchten Winzer, die in 2006 alles richtig gemacht haben, sehr hohe
preise um den Aufwand und den Mengenverlust finanziert zu bekommen, aber dies
werden nur einige wenige grosse und namhafte Betriebe durchsetzen können und so
wie ich die Lage einschätze werden sie es auch tun oder mindestens versuchen.
Selten habe ich eine solche Ratlosigkeit verspürt, eine solche Desorientierung
wie in den zahlreichen Gesprächen, die sich um die Preise für 2006 drehten: 2005
– da waren sich die meisten einig – sei in seiner extremen Spitze völlig aus
dem Ruder gelaufen. Davon müsse man schleunigst runter, fragt sich nur wie und
um wieviel? 10, 20, 30, 40 Prozent? Die Hälfte? Die Meinungen gehen da sehr
weit auseinander. Andere meinten eigentlich müsste man auf das Niveau von 2004
zurück, aber nicht auf das Niveau der 2004er Primeurpreise ex Château sondern
auf die der jetzigen Marktpreise für 2004. Nur einige wenige sahen eine
Notwendigkeit mindestens auf 2004 zurückzugehen oder noch tiefer. Aber sie
räumten auch gleich ein, dass dies völlig unrealistisch sei angesichts der in
toto permanent steigenden Preise für fast alle Jahrgänge der 1980er und 1990er
Jahre.
Eines lässt sich leider in keiner Weise vorhersagen. Was
passiert in den kommenden Monaten im Keller mit den Weinen, die jetzt als
missraten gelten dürfen? Seit diesem Jahr haben die Winzer ganz legal die
Möglichkeit etwas zu tun, was sie früher unter der Hand getan haben. Sie können
den Jahrgang 2006 bis zur Arrivage bis zu 15 Prozent verschneiden z.B. mit
2005. Damit liesse sich manches korrigieren; denn in vielen Fällen würde schon
der 2005er Zweitwein genügen um 2006 etwas aufzumöbeln ganz zu schweigen vom
Grand Vin. Falls 2007 excellent werden sollte, wäre letztlich auch dies eine
Option. Es könnte also sein, dass es bei der Arrivage des Jahrgangs 2006 die
eine oder andere positive Überraschungen geben könnte.
Angesichts dieser Ausgangslage ist 2006 alles andere als
ein Jahrgang, der für die Subskription oder gar für eine Spekulation taugt, von
einigen ganz wenigen Ausnahmen wie den Premiers, teilweise den Superseconds und
einigen Boutiqueweinen abgesehen. Es ist vielmehr ein Jahrgang mit grosser
Schleudergefahr für alle Beteiligten.
Mehr aktuelle Berichte über den Jahrgang 2006 finden Sie
im Weblog planet bordeaux
Falls Sie sich mit anderen Weinfreunden
über den Jahrgang 2006 austauschen möchten, steht Ihnen ein spezieller Thread im
Online-Forum talk about wine
zur Verfügung.
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2006
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