Quo vadis Toskana ?
Eigentlich hätte
die Toskana alle Chancen so etwas wie das Bordelais Italiens zu werden. Ein
Anbaugebiet mit klar umrissenen Appellationen, einer Leitrebsorte, Weintypen und
Terroirs. Warum diese Vision, für die sich die drei Konsortien, die alljährlich
die Toskana Anteprima ausrichten, seit Jahren einsetzen, immer noch nicht in dem
Masse Realität geworden ist, wie die Verantwortlichen sich das wünschen, ist ein
während dieser Tage immer wieder diskutiertes Thema. Die "Anteprima" selbst hat
sich erfolgreich etabliert. Sie ist nach den Primeur Degustationen in Bordeaux
eines der grössten Events dieser Art in Europa. Während fünf Tagen reist der
Tross der Profikoster von Florenz über Montepulciano nach Montalcino und
probiert auf diesem Weg je nach persönlichem Leistungsprofil so um die 200 bis
400 Weine. Von Jahr zu Jahr werden es mehr Weine und nicht wenige Kollegen
mussten heuer an ihre Grenzen gehen, um einen halbwegs kompletten Überblick zu
erhalten.
CHIANTI CLASSICO - Weine ohne
Emotion
Wenn
das Consorzio del Marchio Storico in seinem offiziellen Jahresbulletin von „nicht sehr günstigen
Wetterereignissen“ spricht, ist das eine sachlich-freundliche Umschreibung für
die schwierigen klimatischen Verhältnisse des Desaster-Jahrgangs 2002. Schon ein
kurzer Blick auf die analytischen Daten der 19 angestellten Jungwein-Muster
offenbarte das ganze Dilemma: Alkoholgehalte zwischen12,5 und 13,4 % Vol.. Damit
lässt sich kein Staat machen. Auch nicht mit der um ca. 30 Prozent reduzierten
Menge. Die hohen Niederschläge im August und im September führten in einigen
Zonen ausserdem zu Fäulnisbildung.
Selbst
wer alle Möglichkeiten der Selektionen im Weinberg ausschöpfte, wird allenfalls
einen guten Wein zustande bringen. Dies aber zum Preis extrem hoher
Produktionskosten. Angesichts dieser Situation mochten die Verantwortlichen eine
„allgemeine Bewertung zur Feststellung der Produktqualität des Chianti Classico“
zu diesem Zeitpunkt nicht vornehmen. Später wird man da sicher anders darüber
reden; denn selbstverständlich haben die Winzer die Möglichkeit, der
bescheidenen Qualität ihrer 2002er auf die Sprünge zu helfen. 15 Prozent
erlaubter Verschnitt mit den vorzüglichen 2001er Weinen wird da manches Wunder
wirken.
Im
Mittelpunkt des Interesses standen denn auch in der Certosa von Florenz die
gezeigten Weine (37) dieses Jahrgangs und des 2000ers (53). Auch einige Weine
der Jahrgänge 1999 und selbst 1998 und 1997 gab es in dieser Verkostung, die
somit mehr Entwicklungslinien an der Schwelle vom alten zum neuen Jahrhundert
aufzeigte als aussagekräftige Jahrgangspanoramen. Dies ist schade und die Frage
stellte sich, ob das Konsortium angesichts der immensen Kosten einer solchen
Präsentation seine Mitglieder nicht zu mehr Disziplin vergattern sollte. In
Bordeaux wäre so etwas undenkbar und schon im benachbarten Montalcino ist man
zumindest in diesem Punkt rigoroser und daher auch erfolgreicher.
Chianti
zu lieben fällt schwer. Verdammen kann man ihn aber auch nicht. Viele, was 2001
in dieser Region produziert wurde ist schlichtweg banal und dafür dann zu teuer.
Chianti ist nicht sexy, hat keinen Appeal. Viele Weine haben einen
erschreckenden Mangel an Frucht, sind kurz, trocken, flach. Nicht dass neues
Holz grundsätzlich schädlich wäre für Chianti. Nur beherrschen nach wie vor die
wenigstens den Umgang damit. Offenkundig liegen bei vielen Weingütern allen
Beteuerungen zum Trotz die Erträge zu hoch.
Einmal
mehr war es so die Frage nach der Identität des Chianti, die die angereisten Degustatoren beschäftigte.
Die Vergangenheitsbewältigung für den Touristenwein Chianti ist in den Köpfen
immer noch nicht wirklich abgeschlossen. Was soll das nostalgische Gerede vom
schönen, puren Sangiovese früherer Tage. Was für eine grandiose Selbsttäuschung. Mehr und mehr verschwinden diese granatroten und
melancholisch-dekadenten Chiantis der Vergangenheit. Und ich weine diesen
spröden Tropfen keine Träne nach; denn die Weine der 60er und 70er Jahre wären heute weltweit kaum
noch vermarktbar. Doch, was an ihre Stelle treten soll, ist immer noch nicht klar
formuliert: konzentrierte Fruchtbolzen à la Übersee, cabernetlastige
Bordeauxkopien oder südlich süsse Marmeladenwein. Dies alles konnte man unter
den 2000ern und 2001er finden. Wenig Terroirweine, von denen zwar viel die Rede
ist, die man aber kaum zu schmecken bekommt. Kaum einer dieser Weine löst
Emotionen aus. Und die wenigen, die stolz ihr Haupt aus den Fluten der
Mittelmässigkeit und Beliebigkeit erheben, tragen immer die gleichen
prominenten Namen. Entdeckungen waren zumindest an diesem Tag kaum zu machen.
VINO NOBILE - Chaos in Montepulciano
Zum 10. Mal
präsentierte das kleinste der drei Toskana-Konsortien seine aktuellen Jahrgänge
und erstmals wurde dabei der neue
Jahrgang vergleichbar der Jahrzehnte zurückreichenden Brunello-Bewertung mit
Sternen bewertet. Herauskam für 2002 eine Bewertung mit zwei
Sternen und dies in einem Jahrgang, bei dem nicht wenige Produzenten derzeit
laut darüber nachdenken, ob es nicht klüger wäre alles zu Rosso zu deklassieren.
Das
kleine Jubiläum war im übrigen Konsortiums-Präsident Contuzzi derart zu Kopf
gestiegen, dass er und seine Mitarbeiter noch mehr Chaos als sonst produzierten. Am
ersten Abend begann das Begrüssungsdinner für die todmüde nach einem langen
Verkostungsmarathon per Bus aus Florenz angereisten Journalisten kurz vor
zehn Uhr abends. Am nächsten Morgen mussten sie in eisiger Kälte fast eine
Stunde auf ihren Bus warten, der sie zum mittelalterlichen und
entsprechend schlecht geheizten Verkostungspalais brachte, wo
sie erfahren mussten, dass nur für die Hälfte von ihnen Arbeitsplätze vorhanden waren. Die
anderen mussten warten oder flanierend die Weine probieren. Wenn man
endlich einen Platz ergattert hatte begann der Kampf um den Strom für den
Notebook. Beschwerden
wurden wurden mit Bemerkungen quittiert wie "Schreiben sie doch, was sie wollen. Das ist mir
egal". Die Erzeuger in Montepulciano sollten sich wirklich
überlegen, ob dieser Mann als ihr Repräsentant länger tragbar ist.
Doch zu den Weinen. Die Jahre 1999 und 2000 bescherten den Winzern
in Montepulciano bemerkenswerte Qualitäten, auf die sie
teilweise wirklich stolz sein können. Aber auch hier ist die Frage der
künftigen Identität des Weines nicht schlüssig geklärt. Prugnolo gentile - eine
Variation des Sangiovese - allein ist nicht tragfähig. Traditionelle Ergänzungssorten wie .....
sind wenig hilfreich. Einzig in der Verbindung mit
der für die Region neuen Sorte Merlot ergibt sich ein interessantes und möglicherweise auch
regionaltypisches und damit einmaligen Ergebnis. Doch dies ist erst in
Ansätzen erkennbar. Und angesichts nach wie vor zu hoher Erträge ist da
kaum wirklich Besserung zu erwarten. Die wenigen herausragenden
Namen - del Cerro, La Braccesca, Avignonesi, Boscareli - sind schnell an einer
Hand
aufgezählt.
BRUNELLO - Den Jahrhundertjahrgang vergeigt
Auch Montalcino, die südlichste der
drei Appellationen, erlebte 2002 einen schwächlichen, vielleicht den schwächsten
Jahrgang der letzten 20 Jahre. Mehr als zwei Sterne wollte das Konsortium auch hier nicht rausrücken.
Mehr Sorgen bereiten hier einerseits die nach den grossen Jahrgängen der 90er
Jahre die explodierten Preise und zum anderen die ebenfalls explosionsartige
Vermehrung der Flächen und der Güter, die hier wie die sprichwörtlichen Pilze
aus dem Boden schiessen. 120 Betriebe präsentierten dieses Jahr ihre Weine.
Nächstes Jahr - so befürchtet der stets wohl organisierte Sekretario des
Konsortiums Stefano Campatelli - könnten es leicht 140 werden. Wäre es da nicht
vielleicht ratsam jedem neuen Erzeuger erstmal eine fünf- oder zehnjährige
"Quarantäne" aufzuerlegen, in der er zwar jede Menge Rosso aber keine einzige
Flasche Brunello produzieren darf und schon gar nicht eine Riserva.
Ein guter Brunello ist heute ein teurer
Spass. Für die besten Weine werden gar Kultpreise jenseits von 100 und 200 Euro
aufgerufen. Dafür darf der Konsument adäquate Qualität verlangen. Ob er
sie immer bekommt, steht auf einem anderen Blatt. Trotz dieser inflationären
Preisentwicklung (oder vielleicht gerade deshalb) ist das Interesse an diesen Weinen gigantisch. An die 3.000
Händler und Gastronomen kamen am Montag nach der Medienpräsentation nach Montalcino
soviel wie bei keiner anderen Degustation der diesjährigen Anteprima. Das grosse Zelt auf der Fortezza platzte förmlich aus allen Nähten.
Wenn es in Italien derzeit einen Hype-Wein gibt, dann ist es der Brunello.
Da
stellt sich natürlich die Frage, wie gerechtfertigt dies ist; denn die letztjährige Präsentation des
als Jahrhundertjahrgang apostrophierten
97ers hatte ja doch einen sehr zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Dieser Eindruck -
das muss man leider sagen - setzte sich jetzt fort. Die Winzer in Montalcino,
haben einen Wein, der sicher zum besten hätte gehören können, was es hier seit
langem gab, zumindest teilweise vergeigt. Selbst bei den mit Spannung
erwarteten Riservas gab es (zu) viele Weine, bei denen sich gezehrte Frucht mit
bretterhart-trockenem Holzton zu einem Fiasko verband.
An diesem Gesamteindruck konnten auch die tatsächlich vorhandenen Highlights
wenig ändern. Von den insgesamt vielleicht 130 bis 150 produzierten
Brunello-Weinen der Jahrgangs 1997 sind allenfalls 30, 40 wirklich
empfehlenswert und allenfalls ein Dutzend können für sich das Prädikat "Weltspitze"
reklamieren. Für einen jahrgang, dem ein Ruf wie Donnerhall vorauseilt, ist dies
zu wenig. Und wenn Robert Parker wirklich die Empfehlung ausgesprochen haben
sollte: 1997 Brunello kaufen, was immer man bekommen kann, dann wäre dies einer
der dümmsten Sätze, der je in der Weinbranche publiziert wurde.
Andererseits
zeigte diese Präsentation aber auch, dass viele Brunellos des Jahrgangs 1998
eine überraschend gute Qualität besitzen, nicht gross, aber solide und gut. Ein
überraschender Jahrgang der da aus dem Schatten des 97ers tritt. Wenn
alle Erzeuge so vernünftig wären wie Vasco Sassetti, der angekündigt hat, den
Preis für diesen Jahrgang innerhalb der 30-Euro-Grenze zu halten, dann könnte
man vielleicht sogar von einem vergnüglichen Jahrgang sprechen.
Eins ist klar: noch ist das Interesse
ungebrochen, aber Brunello ist am Scheideweg angekommen. Vieles deutet derzeit
auf eine ungehemmte Massenproduktion hin. Immer mehr Hügelland am Fuss der alten
Festungsstadt - heute meist zur Getreideproduktion genutzt - wird in Weinberge
verwandelt. Dort mögen gute Weine wachsen, aber Weine, die ein Terroir
widerspiegeln wohl kaum
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