Anteprima 2003

Alle Jahre wieder in der Mitte des Monats Februar, der in der Toskana meist genauso frostig und unfreundlich ist wie nördlich der Alpen, eröffnet  die "Anteprima" organisiert von den drei prominenten Konsortien der toskanischen Weinindustrie den Reigen der wichtigen Degustationen des Jahres. Rund 80 Fachjournalisten aus aller Welt werden eigens für die Verkostungen der zur Veröffentlichung anstehenden aktuellen Jahrgänge eingeflogen. Ihren Fussstapfen folgen in den Tagen danach Heerscharen von Händlern, Gastronomen und Weinfreunden. Falls Ihnen einer dieser Herrschaften dieser Tage über den Weg läuft und nur so vor Enthusiasmus sprüht, glauben Sie ihm kein Wort! Diese Anteprima trennte auf geradezu brutale Art und Weise den Spreu vom Weizen. Angesichts der geringen Zahl der wirklich bemerkenswerten Weine mussten viele kaufen, was sie bekommen konnten. Selten habe ich von dieser Seite soviel selbstbetrügerische Schönrederei erlebt wie in diesem Jahr.

Quo vadis Toskana  ?

Eigentlich hätte die Toskana alle Chancen so etwas wie das Bordelais Italiens zu werden. Ein Anbaugebiet mit klar umrissenen Appellationen, einer Leitrebsorte, Weintypen und Terroirs. Warum diese Vision, für die sich die drei Konsortien, die alljährlich die Toskana Anteprima ausrichten, seit Jahren einsetzen, immer noch nicht in dem Masse Realität geworden ist, wie die Verantwortlichen sich das wünschen, ist ein während dieser Tage immer wieder diskutiertes Thema. Die "Anteprima" selbst hat sich erfolgreich etabliert. Sie ist nach den Primeur Degustationen in Bordeaux eines der grössten Events dieser Art in Europa. Während fünf Tagen reist der Tross der Profikoster von Florenz über Montepulciano nach Montalcino und probiert auf diesem Weg je nach persönlichem Leistungsprofil so um die 200 bis 400 Weine. Von Jahr zu Jahr werden es mehr Weine  und nicht wenige Kollegen mussten heuer an ihre Grenzen gehen, um einen halbwegs kompletten Überblick zu erhalten.    

  CHIANTI CLASSICO - Weine ohne Emotion

Wenn das Consorzio del Marchio Storico in seinem offiziellen Jahresbulletin von „nicht sehr günstigen Wetterereignissen“ spricht, ist das eine sachlich-freundliche Umschreibung für die schwierigen klimatischen Verhältnisse des Desaster-Jahrgangs 2002. Schon ein kurzer Blick auf die analytischen Daten der 19 angestellten Jungwein-Muster offenbarte das ganze Dilemma: Alkoholgehalte zwischen12,5 und 13,4 % Vol.. Damit lässt sich kein Staat machen. Auch nicht mit der um ca. 30 Prozent reduzierten Menge. Die hohen Niederschläge im August und im September führten in einigen Zonen ausserdem zu Fäulnisbildung.

Selbst wer alle Möglichkeiten der Selektionen im Weinberg ausschöpfte, wird allenfalls einen guten Wein zustande bringen. Dies aber zum Preis extrem hoher Produktionskosten. Angesichts dieser Situation mochten die Verantwortlichen eine „allgemeine Bewertung zur Feststellung der Produktqualität des Chianti Classico“ zu diesem Zeitpunkt nicht vornehmen. Später wird man da sicher anders darüber reden; denn selbstverständlich haben die Winzer die Möglichkeit, der bescheidenen Qualität ihrer 2002er auf die Sprünge zu helfen. 15 Prozent erlaubter Verschnitt mit den vorzüglichen 2001er Weinen wird da manches Wunder wirken.

Im Mittelpunkt des Interesses standen denn auch in der Certosa von Florenz die gezeigten Weine (37) dieses Jahrgangs und des 2000ers (53). Auch einige Weine der Jahrgänge 1999 und selbst 1998 und 1997 gab es in dieser Verkostung, die somit mehr Entwicklungslinien an der Schwelle vom alten zum neuen Jahrhundert aufzeigte als aussagekräftige Jahrgangspanoramen. Dies ist schade und die Frage stellte sich, ob das Konsortium angesichts der immensen Kosten einer solchen Präsentation seine Mitglieder nicht zu mehr Disziplin vergattern sollte. In Bordeaux wäre so etwas undenkbar und schon im benachbarten Montalcino ist man zumindest in diesem Punkt rigoroser und daher auch erfolgreicher.

Chianti zu lieben fällt schwer. Verdammen kann man ihn aber auch nicht. Viele, was 2001 in dieser Region produziert wurde ist schlichtweg banal und dafür dann zu teuer. Chianti ist nicht sexy, hat keinen Appeal. Viele Weine haben einen  erschreckenden Mangel an Frucht, sind kurz, trocken, flach. Nicht dass neues Holz grundsätzlich schädlich wäre für Chianti. Nur beherrschen nach wie vor die wenigstens den Umgang damit. Offenkundig liegen bei vielen Weingütern allen Beteuerungen zum Trotz die Erträge zu hoch. 

Einmal mehr war es so die Frage nach der Identität des Chianti, die die angereisten Degustatoren beschäftigte. Die Vergangenheitsbewältigung für den Touristenwein Chianti ist in den Köpfen immer noch nicht wirklich abgeschlossen. Was soll das nostalgische Gerede vom schönen, puren Sangiovese früherer Tage. Was für eine grandiose Selbsttäuschung. Mehr und mehr verschwinden diese granatroten und melancholisch-dekadenten Chiantis der Vergangenheit. Und ich weine diesen spröden Tropfen keine Träne nach; denn die Weine der 60er und 70er Jahre wären heute weltweit kaum noch vermarktbar. Doch, was an ihre Stelle treten soll, ist immer noch nicht klar formuliert: konzentrierte Fruchtbolzen à la Übersee, cabernetlastige Bordeauxkopien oder südlich süsse Marmeladenwein. Dies alles konnte man unter den 2000ern und 2001er finden. Wenig Terroirweine, von denen zwar viel die Rede ist, die man aber kaum zu schmecken bekommt. Kaum einer dieser Weine löst Emotionen aus. Und die wenigen, die stolz ihr Haupt aus den Fluten der Mittelmässigkeit und Beliebigkeit erheben, tragen immer die gleichen  prominenten Namen. Entdeckungen waren zumindest an diesem Tag kaum zu machen.

VINO NOBILE - Chaos in Montepulciano

Zum 10. Mal präsentierte das kleinste der drei Toskana-Konsortien seine aktuellen Jahrgänge und erstmals wurde dabei der neue Jahrgang vergleichbar der Jahrzehnte zurückreichenden Brunello-Bewertung mit  Sternen bewertet. Herauskam für 2002 eine Bewertung mit zwei Sternen und dies in einem Jahrgang, bei dem nicht wenige Produzenten derzeit laut darüber nachdenken, ob es nicht klüger wäre alles zu Rosso zu deklassieren. 

Das kleine Jubiläum war im übrigen Konsortiums-Präsident Contuzzi derart zu Kopf gestiegen, dass er und seine Mitarbeiter noch mehr Chaos als sonst produzierten. Am ersten Abend begann das Begrüssungsdinner für die todmüde nach einem langen Verkostungsmarathon per Bus aus Florenz angereisten Journalisten kurz vor zehn  Uhr abends. Am nächsten Morgen mussten sie in eisiger Kälte fast eine Stunde auf ihren  Bus warten, der sie zum mittelalterlichen und entsprechend schlecht geheizten Verkostungspalais brachte, wo sie erfahren mussten, dass nur für die Hälfte von ihnen Arbeitsplätze vorhanden waren. Die anderen mussten warten oder  flanierend die Weine probieren. Wenn  man endlich einen Platz ergattert hatte begann der Kampf um den Strom für den Notebook.  Beschwerden wurden wurden mit Bemerkungen quittiert  wie "Schreiben sie doch, was sie wollen. Das ist mir egal". Die Erzeuger in Montepulciano sollten sich wirklich überlegen, ob dieser Mann als ihr Repräsentant länger tragbar ist. 

Doch zu den Weinen. Die Jahre 1999 und 2000 bescherten den Winzern in Montepulciano  bemerkenswerte Qualitäten, auf die sie teilweise wirklich stolz sein können. Aber auch hier ist die Frage der künftigen Identität des Weines nicht schlüssig geklärt. Prugnolo gentile - eine Variation des Sangiovese - allein ist nicht tragfähig. Traditionelle Ergänzungssorten wie ..... sind wenig hilfreich. Einzig in der Verbindung mit der für die Region neuen Sorte Merlot ergibt sich ein interessantes und möglicherweise auch regionaltypisches und damit einmaligen Ergebnis. Doch dies ist erst in Ansätzen erkennbar. Und angesichts nach wie vor zu hoher Erträge  ist da kaum  wirklich Besserung zu erwarten. Die wenigen herausragenden  Namen - del Cerro, La Braccesca, Avignonesi,  Boscareli -  sind schnell an einer Hand aufgezählt.       

BRUNELLO - Den Jahrhundertjahrgang vergeigt

Auch Montalcino, die südlichste der drei Appellationen, erlebte 2002 einen schwächlichen, vielleicht den schwächsten Jahrgang der letzten 20 Jahre. Mehr als zwei Sterne wollte das Konsortium auch hier nicht rausrücken. Mehr Sorgen bereiten hier einerseits die nach den grossen Jahrgängen der 90er Jahre die explodierten Preise und zum anderen die ebenfalls explosionsartige Vermehrung der Flächen und der Güter, die hier wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden schiessen. 120 Betriebe präsentierten dieses Jahr ihre Weine. Nächstes Jahr  - so befürchtet der stets wohl organisierte Sekretario des Konsortiums Stefano Campatelli - könnten es leicht 140 werden. Wäre es da nicht vielleicht ratsam jedem neuen Erzeuger erstmal eine fünf- oder zehnjährige "Quarantäne" aufzuerlegen, in der er zwar jede Menge Rosso aber keine einzige Flasche Brunello produzieren darf und schon gar nicht eine Riserva.

Ein guter Brunello ist heute ein teurer Spass. Für die besten Weine werden gar Kultpreise jenseits von 100 und 200 Euro aufgerufen. Dafür darf der Konsument adäquate Qualität  verlangen. Ob er sie immer bekommt, steht auf einem anderen Blatt. Trotz dieser inflationären Preisentwicklung (oder vielleicht gerade deshalb) ist das Interesse an diesen Weinen gigantisch. An die 3.000 Händler und Gastronomen kamen am Montag nach der Medienpräsentation nach Montalcino soviel wie bei keiner anderen Degustation der diesjährigen Anteprima. Das grosse Zelt auf der Fortezza platzte förmlich aus allen Nähten. Wenn es in Italien derzeit einen Hype-Wein gibt, dann ist es der Brunello.

Da stellt sich natürlich die Frage, wie gerechtfertigt dies ist; denn die letztjährige Präsentation des als Jahrhundertjahrgang apostrophierten 97ers hatte ja doch einen sehr zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Dieser Eindruck - das muss man leider sagen - setzte sich jetzt fort. Die Winzer in Montalcino, haben einen Wein, der sicher zum besten hätte gehören können, was es hier seit langem gab, zumindest teilweise vergeigt. Selbst bei den mit Spannung erwarteten Riservas gab es (zu) viele Weine, bei denen sich gezehrte Frucht mit bretterhart-trockenem Holzton zu einem Fiasko verband. An diesem Gesamteindruck konnten auch die tatsächlich vorhandenen Highlights wenig ändern.  Von den insgesamt vielleicht 130 bis 150 produzierten Brunello-Weinen der Jahrgangs 1997 sind allenfalls 30, 40 wirklich empfehlenswert und allenfalls ein Dutzend können für sich das Prädikat "Weltspitze" reklamieren. Für einen jahrgang, dem ein Ruf wie Donnerhall vorauseilt, ist dies zu wenig. Und wenn Robert Parker wirklich die Empfehlung ausgesprochen haben sollte: 1997 Brunello kaufen, was immer man bekommen kann, dann wäre dies einer der dümmsten Sätze, der je in der Weinbranche publiziert wurde.

Andererseits zeigte diese Präsentation aber auch, dass viele Brunellos des Jahrgangs 1998 eine überraschend gute Qualität besitzen, nicht gross, aber solide und gut. Ein überraschender Jahrgang der da aus dem Schatten des 97ers tritt. Wenn alle Erzeuge so vernünftig wären wie Vasco Sassetti, der angekündigt hat, den Preis für diesen Jahrgang innerhalb der 30-Euro-Grenze zu halten, dann könnte man vielleicht sogar von einem vergnüglichen Jahrgang sprechen. 

Eins ist klar: noch ist das Interesse ungebrochen, aber Brunello ist am Scheideweg angekommen. Vieles deutet derzeit auf eine ungehemmte Massenproduktion hin. Immer mehr Hügelland am Fuss der alten Festungsstadt - heute meist zur Getreideproduktion genutzt - wird in Weinberge verwandelt. Dort mögen gute Weine wachsen, aber Weine, die ein Terroir widerspiegeln wohl kaum  

 

 

 

 

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Datum der letzten Aktualisierung: 10.03.2010