Leipziger Weinwochenende

König Riesling hielt Hof

Im Rahmen des "Leipziger Weinwochenendes" fand in der traditionsreichen sächsischen Messestadt am 15. März eine denkwürdige Raritätenprobe statt als Hommage auf die Königssorte Riesling. Veranstaltet wurde das Wochenende vom Leipziger  Marriott Hotel, dem Restaurant Medici Harmonie und der Weinhandelfirma Korn & Partner aus Chemnitz. Initiator Carsten Laade von Korn & Partner konnte für diese Inszenierung eine hochkarätige Besetzung gewinnen sowohl was die Namen der beteiligten Winzer betrifft, die für diesen Tag ihre Schatzkammern öffneten, als auch bei den fachkundigen Gästen. So kamen zu der von Michael Broadbent moderierten Probe u.a. Philipp Schwander, Master of Wine und Broadbent-Übersetzer aus der Schweiz, Master Sommelier Hendrik Thoma aus Hamburg und Bernd Kreis, Europas Sommelier des Jahres 1992,  aus Stuttgart nach Leipzig.

Für diese Audienz bei König Riesling hatten die Organisatoren den ebenso eleganten wie frühlingshaft heiteren Rahmen des Festsaals im Gohliser Schlösschen gewählt. Dieses architektonische Schmuckkästchen des späten sächsischen Barocks und beginnenden Rokokos  wurde 1755/56 von dem Leipziger Kaufmann Johann Caspar Richter, dessen Familie mit dem Kobalt- und Tuchhandel reich geworden war, errichtet. Es war einstmals Teil eines Gürtels von Gärten und bürgerlichen Landpalais, die Leipzig im 18.Jahrhundert umgaben. Die Stadt befand sich damals, kurz vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges auf dem Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen Macht. Die Handelsherren und Manufakturbesitzer verwendeten ihr Kapital nicht mehr ausschliesslich für ihre Unternehmen, sondern investierten auch in die Verschönerung der Stadt.  Vor dem Befestigungsgürtel wetteiferten sie in der Errichtung prachtvoller schlossartiger Landsitze, in denen sie ihre Kunstsammlungen, Naturalienkabinette und Bibliotheken unterbrachten. Das gesamte Anwesen wurde in den 90er Jahren aufwendig restauriert und dient heute als beliebte Stätte für festliche Banketts, Konzerte oder auch wie an diesem Tag für eine historische Weinprobe.

Acht Produzenten, sechs Regionen, elf Jahrgänge. Ein halbes Jahrhundert deutscher Weingeschichte vom legendären Friedensjahrgang 1945 bis zum Milleniumjahrgang 2000. Klug arrangiert und kommentiert von Michael Broadbent war dieser Nachmittag für alle Teilnehmer egal ob private Weinfreunde oder professionelle Verkoster eine vergnügliche Lehrstunde in Sachen Riesling.

Schon der erste Flight zeigte deutlich, welches Reifepotenzial in dieser Sorte steckt und weshalb sie zu recht als „König der Weissweine“ apostrophiert wird. Den Auftakt bildeten als einziger trockener Wein eine zehn Jahre alte Rheingau Auslese von Franz Künstler und eine fast 40 Jahre alte Mosel Spätlese naturrein von Reinhold Haart. Beide Weine sehr charakteristisch, ja prototypisch in ihrer Art. Der trockene Hochheimer noch weit entfernt von wirklicher Reife und um viele Jahre zu jung strafte alle Jungweinpropagandisten der Lüge. Solche grossen trockenen Rieslinge brauchen zwei Jahrzehnte bis zur Perfektion. Der süsse Moselaner dagegen war dort nach bald einem halben Jahrhundert endlich angekommen und wird sicher die nächsten zehn Jahre so bleiben. Fazit: grosse deutsche Rieslinge – trocken wie süss - werden viel zu früh getrunken.

Fast jede der an diesem denkwürdigen  Nachmittag geöffneten Flaschen enthielt einen Wein, der zu jung war um finalen Genuss zu bieten, sieht man mal von den beiden ältesten Weinen,  dem 45er aus der Pfalz und dem 53er Rheingauer ab. Sie allein kamen dem Optimum ihrer Möglichkeiten sehr nahe. Für alle anderen Weine galt das Diktum: zu jung. So wurde diese Probe zu einer grossartigen Demonstration des Alterungspotenzials der Sorte Riesling.

 

A. Christmann

Adresse: Peter-Koch-Strasse 43, 67435 Gimmeldingen, Pfalz
Tel: 0 63 21 - 66 039, Fax: 0 63 21 - 68 762.
E-Mail: weingut.christmann@t-online.de

1992 Königsbach Idig Riesling Beerenauslese
Note: 84
 

Notiz: Zwei Flaschen. Der Inhalt der ersten deutlich trüb und "wolkig". Goldgelb bis Orangefarben. In der Nase reife helle Früchte, etwas Honig-Banane, Aprikosen, Vanille, dazu mineralische Nuancen, aber auch etwas von Klebstoff. Sehr starke Bittertöne am Gaumen und vor allem dann im Abgang. Es fehlt an der rechten Balance.

1998 Königsbach Idig Riesling Eiswein
Note: 90
 

Notiz: Blankes Goldgelb. Reiche exotische Fruchtnuancen in der Nase, sehr konzentriert. Zeigte auch zart rauchige Komponenten, etwas wie reifer Peccorino. Am Gaumen dicht, eine eher saftige Säure, nicht so spitz, deutlich reifer und von Anfang an besser eingebunden. Es steht Reife dahinter und eine geballte Süsse. Der Wein wurde bei Minus neun Grad gelesen. Das ursprüngliche Mostgewicht wurde von 100 auf 162 Grad konzentriert und die bereits auf sechs Promille abgebaute Säure stieg wieder auf 13 gL..

Franz Künstler

Adresse: Freiherr-vom-Stein-Ring 3, 65239 Hochheim, Rheingau
Tel: 0 61 46 - 82 570, Fax: 0 61 46 - 57 67
Internet: www.weingut-kuenstler.de E-Mail: info@weingut-kuenstler.de

1996 Hochheim Reichestal Riesling Eiswein
Note: 88
 

Notiz: Schönes Goldgelb. Nase mit einer feinen Gebäcknote, aber auch deutlich das etwas künstlich wirkende Eisbonbon-Aroma. Am Gaumen zeigte der Wein, die typische spitze Eiswein-Säure. Durch Süsse und Körper wirkte sie aber für die Zukunft besser gepuffert als beim Ruwer-Eiswein von Maximin Grünhaus.

1993 Hochheim Hölle Riesling Auslese trocken
Note: 92
 

Notiz: Helles, blasses Strohgelb. Sehr delikate Nase mit beginnender Reife, feiner Würze, weisser Frucht und mineralischen Noten. Das Bukett zeigte auch etwas Karamell, Fruchtjogurt und machte dadurch schon fast einen burgundischen Eindruck. Ein wirklich reifer Riesling nähert sich auf diesem Niveau leicht einem grossen Chardonnay. Am Gaumen total frisch, klare stabile Frucht mit Zitrusanklängen und noch immer sehr säurebetont. Von seiner wirklichen Reife (die das Bukett erahnen lässt) ist dieser Wein noch Jahre entfernt.

Geheimer Rat Dr. von Bassermann-Jordan

Adresse: Kirchgasse 10, 67146 Deidesheim, Pfalz
Tel: 0 63 26 - 60 06, Fax: 0 63 26 - 60 08
Internet: www.bassermann-jordan.de E-Mail: hauck@bassermann-jordan.de

2000 Ruppertsberg Gaisböhl Riesling Trockenbeerenauslese
Note: 92
 

Notiz: Ein höchst aussergewöhnlicher Wein aus diesem für die Pfalz so katastrophalen Jahrgang. Ergebnis intensivsten Beerenpickens. Gerademal 80 Liter konnten davon gekeltert werden. Das Mostgewicht lag bei ca. 200 Grad Oechsle und die Säure bei 13 Promille. Der fertige Wein zeigt einen für eine TBA eher ungewöhnlich hohen Alkoholgehalt von 11 % Vol., was ihm aber einen starken Halt für eine lange, lange Zukunft gibt. Dunkles Goldgelb bis hell bernsteinfarben. Nase im Augenblick recht verschlossen. Duft von Rosinen und Früchtebrot, Mangochutney. Am Gaumen zeigte der Wein eine enorme Länge, eine explosive, packende Säure in begeisternder Harmonie mit Süsse und Alkohol. Die Konsistenz geht schon leicht ins ölige über. Der knappe Kommentar von Michael Broadbent:“a fad, strong baby.“

1945 Deidesheim Kieselberg Riesling Auslese
Note: 94
 

Notiz: Helles Goldgelb bis fast schon Bernsteinfarben mit leicht "apfelgrünem Rand" (Broadbent). Deutliches Depot. In der Nase ein wunderschönes vielschichtiges Konzentrat: Kräuterwürze, sehr fein nuanciert mit Senfkorn, Dill, Gurkenkraut, dazu Aprikosencreme, Orangenmarmelade, Honig und Karamell, aber auch eine leichte Schärfe und Tee-Noten. Am Gaumen dickflüssig, cremig. Geschmacklich fast schon an der Grenze zu einem trockenen oder wenigstens halbtrockenen Charakter mit leichten Bittertönen im Abgang. Die Säure zeigte sich noch sehr gut intakt und stabil. Vermutlich war auch dieser Wein recht weit durchgegoren und daher höher im Alkohol als heutige Auslesen, typisch für diesen Jahrgang in dem die Menschen in den Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit andere Sorgen hatten, als einen Wein kellertechnisch zu behandeln. En historischer "Landmark-Wine" (Broadbent) -– nie neu verkorkt.

Gunderloch Estate

Adresse: Carl-Gunderloch-Platz 1, 55299 Nackenheim, Rheinhessen
Tel: 0 61 35 - 23 41, Fax: 0 61 35 - 24 31
Internet: www.gunderloch.de E-Mail: weingut@gunderloch.de

1997 Nackenheim Rothenberg Riesling Auslese Goldkapsel
Note: 95
 

Notiz: Ein ganz anderer Auslese-Stil! Gelesen im Februar 1998 mit vollreifem, gesundem Lesegut ohne jegliche Botrytis aber durch Verdunstung geschrumpft. Das ist die Neue Welt des Rieslings! Leuchtendes Weissgold. In der Nase ein opulenter, reicher Duft von tropischen Früchten wie Mango und Papaya, dazu eine deutliche Mineralität. Am Gaumen jugendlich, saftig und frisch, zeigte eine wunderbar klare Süsse, leichte Zitrusnoten und eine animierende Säure über der Fülle des tropischen Fruchtnektars.

1959 Nackenheim Rothenberg Riesling Auslese
Note: 93
 

Notiz: Schönes Goldgelb mit Orangereflexen. In der Nase ein sehr komplexes Aromabukett mit einem zarten Ton von angebrannten Schwefelhölzern, etwas Karamell, Trockenfrüchte, Honig, Toffee und Tabak. Auch leichte Teenoten waren zu spüren. Am Gaumen eine wunderbar reiche, konzentrierte Frucht. Die ursprünglich mal sehr reiche Süsse ist nicht mehr so dominant und steht in einer harmonischen Balance zu Säure. Die Flasche war vor einem Jahr neu verkorkt worden.

Gutsverwaltung von Schubert-Maximin-Grünhaus

Adresse: Grünhaus, 54318 Mertesdorf, Ruwer
Tel: 06 51 - 51 11, Fax: 06 51 - 51 122
Internet: www.vonschubert.com E-Mail: invo@vonschubert.com

1996 Maximin Grünhaus Herrenberg Riesling Eiswein Nr. 135
Note: 86 (?)
 

Notiz: Goldgelb. Die typische, leicht bizarre nach Klebstoff und Waschpulver riechende Eisweinnase, etwas auch an einen Ruster Ausbruch erinnernd mit einer kleinen oxydativen Note. Dahinter aber eine reiche und komplexe Frucht. Am Gaumen dickflüssig mit einer extremen Säure. Für die Zukunft sehr schwer einzuschätzen

1959 Maximin Grünhaus Herrenberg Riesling Trockenbeerenauslese
Note: 91
 

Notiz: Goldgelb. Eine Nase mit markanter Mineralität, deutlichen Kräuteraromen, Kräuterbutter, ein Hauch von Limone. Am Gaumen mit einer höchst kräftigen Säure, etwas bitter und mit einem leicht brandigen Ton im Abgang. Für eine über 40 Jahre alte TBA aus einem so hitzigen Jahrgang bemerkenswert frisch, fein und elegant. Das war 1959 wohl nur an der Ruwer und hie und da an der Mosel möglich. Sicherlich ist dieser Wein viele Jahre - von Schubert meinte Jahrzehnte – zu jung.

Reinhold Haart

Adresse: Ausoniusufer 18, 54498 Piesport, Mosel
Tel: 0 65 07 - 20 15, Fax: 0 65 07 - 59 09
Internet: www.haar-.de E-Mail: info@haart.de

1964 Piesport Godtröpfchen Riesling Spätlese
Note: 89
 

Notiz: Kräftiges Strohgelb bis helles Goldgelb. Eine perfekt gereifte, für die Mittelmosel geradezu prototypische Nase. Eine edle Firne mit zartem Petrolton, feinen Kräuternuancen, Brotrinde, frisches Brot. Deutlich von Botrytis geprägt. Am Gaumen zeigte der Wein dann eine schöne Fülle des Geschmacks (nicht des Körpers!), opulent und reich mit Apfelaromen (mürber, gebackener Apfel), einer angenehmen kleinen Rosinen-Süsse. Eher der Charakter einer niedrigen Auslese, die allerdings wohl ursprünglich schon recht weit durchgegoren war. Daraus ergibt sich aus reduzierter Süsse, Säure und Alkohol heute ungemein balancierter Wein.

1959 Piesport Goldtröpfchen Riesling Auslese
Note: 84
 

Notiz: Eine überraschend helle, total reduktive Farbe. Sehr fein und verhalten in der Nase. Ein Hauch flüchtige Säure. Mit der zeit öffnet sich das Bukett etwas, wird floraler, fruchtiger. Auch am Gaumen ungewöhnlich frisch. Wurde vor zwei Jahren neu verkorkt und dabei mit dem gleichen Wein aufgefüllt. War wohl ursprünglich im Schwefel mal recht hoch eingestellt, was damals durchaus üblich war. Der Wein hatte auch von Anfang an eine für den Jahrgang sehr ungewöhnlich hohe Säure, typischer Ausdruck der Lage Goldtröpfchen.

Schloss Proschwitz

Adresse: Dorfanger 1, 01665 Zadel, Sachsen
Tel: 0 35 21 - 76 760, Fax: 0 35 21 - 76 76 76
Internet: www.schloss-proschwitz.de E-Mail: schloss-proschwitz@tz-online.de

1999 Schloss Proschwitz Riesling Eiswein
Note: 89
 

Notiz: Der erste Eiswein in der Geschichte dieses sächsischen Vorzeigegutes, gelesen am 25. 1. 2000. Sehr helles, blankes Goldgelb. Eine ziemlich perfekte Eisweinnase. Einerseits den etwas spitzen, säuregeprägten Eisweincharakter, aber auch eine deutliche Pfirsich- und Aprikosenfrucht, auch feine florale Noten von Obstblüten. Am Gaumen Eleganz und trotz der Säure ein cremiger Schmelz. Ein Finesse-Wein.

Staatsweingüter Kloster Eberbach

Adresse: Schwalbacher Strasse 56 - 62, 65343 Eltville, Rheingau
Tel: 0 61 23 - 92 3000, Fax: 0 61 23 - 92 30 90
Internet: www.staatsweingueterhessen.de E-Mail: info@staatsweingueterhessen.de

1953 Steinberger Riesling Edelbeerenauslese
Note: 96
 

Notiz: Ein bernsteinfarbenes Wunderwerk der Natur, ein Musterbeispiel für die Reife dieses wahrhaftigen Jahrhundertjahrgangs. Ein Wein aus geschrumpften, goldfarbenen Beeren von höchster Reife ohne Botrytis und 160 Grad Oechsel, eine Selektion, die es im Steinberg seit 1953 und 1959 nicht mehr gegeben hat. Vor einer Woche wurde eine dieser Flaschen für 1.200 Euro versteigert. In der Nase eine völlig ausgereifte Art: konzentrierte Aprikosenfrucht, Rosinen, etwas Apfelchutney mit exotischen, curryartigen Gewürznuancen. Am Gaumen elegant, makellos gereift, die pure Eleganz und Finesse. Eine wunderbar feine Süsse, noch eine deutlich präsente fruchtige Säure (ursprünglich mal 11,6 gL) und eine unerhörten Länge.

1959 Steinberger Riesling Edelbeerenauslese
Note: o.N.
 

Notiz: Leuchtendes Orangegold bis Bernstein. In der Nase leider ein leichter Korkdeffekt, der sich am Gaumen fortsetzt, den Wein in seinen aromatischen Möglichkeiten etwas limitiert, aber nicht zerstört. Er wirkte nur leicht diffus (medizinal, Schuhwichse) und im Abgang etwas ausgetrocknet. Die eigentliche Fruchtkonzentration des Weins (Apfel, getrocknete Aprikosen, Rosinen), seine Süsse und Säure waren noch deutlich erkennbar, aber nicht so präsent und explosiv wie ich es von einer früheren Verkostung her kannte.

 

 

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Datum der letzten Aktualisierung: 07.09.2010