Kleine Châteaux - Grosse Jahrgänge

Wenn No-Names zu Prinzessinen werden

Unter dem Motto "Kleine Châteaux - Grosse Jahrgänge" fand am 8. November 2002 in der Krone in Assmannshausen eine interessante  Bordeaux-Verkostung statt mit einem Dutzend Weine aus den  Jahrgängen 1996 bis 1945. Interessant deshalb, weil bei der Auswahl der Châteaux der Begriff  klein teilweise wirklich sehr ernst genommen wurde.

Natürlich ist Brane Cantenac ein 2ème Cru und Château Gazin kein wirklich kleines Château. Und so nimmt es nicht Wunder, dass der 61er Gazin der beste Wein des Abends war. Wenn auch nicht die grösste Überraschung. Aber Château Jonqueyres z.B. ist ein Bordeaux A.C., Château Lanessan ein Cru Bourgeois und  Château Ripeau ein absoluter No-Name aus Saint-Emilion. Solchen Weinen aus unbestritten bedeutenden Jahrgängen bis zurück in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts zu begegnen, war ein besonderes und seltenes  Vergnügen. Und ein Lehrstück obendrein; denn die meisten Weine dieses Abends befanden sich im einem Stadium der mehr oder minder fortgeschrittenen Trinkreife. Sie erwiesen sich dadurch auch als gastronomische Weine, die den Gängen des begleitenden Menüs aromatisch Gesellschaft leisteten und es nicht dominierten.

Liess uns doch an diesem Abend z.B. ein unklassifiziertes (aber dennoch hoch angesehenes) Gewächs wie Château Gloria aus Saint-Julien sozusagen einen Blick in die Zukunft dieses wegen seiner teilweise sehr harten, ruppigen Tanninen immer wieder angezweifelten Jahrgang werfen. So harmonisch gesoftet wie dieser "kleine" Wein werden uns eines Tages seine grossen Brüder und Schwestern entgegentreten. Auf den Auftritt dieser Nobilitäten sollten  wir uns freuen und solange mit den kleinen Prinzen und charmanten Prinzessinnen vorlieb nehmen. 

1996 Château Jonqueyres, Bordeaux Superieur
86
 
(Magnum) Dunkles Rubinrot. Zeigte in der Naseeinen ausgeprägten Mocca und Kaffeeduft, auch schöne warne Röstaromen. Am Gaumen schon recht geschmeidig, pflaumig, schokoladig und lang im Abgang.

1990 Château Lanessan, Médoc Cru Bourgeois Supérieur
89
 
Dunkles Rubinrot. Sehr schöne konzentrierte Kirschnase. Auch am Gaumen weiche Kirschfrucht, etwas süsser Mandelteig, Vanille. Zeigt bereits eine wunderbare Reife mit harmonisch geglätteten Tanninen. Hat Fülle und milden Schmelz, zeigt ganz deutlich den süssen Charme dieses grossen Jahrgangs.

1989 Château du Tertre, Margaux 5ème Cru Classé
84
 
Dunkles Rubinrot. In der Nase eine angenehme Holzprägung, deutliches Tannin. Ein eleganter, feiner Wein am Gaumen, aber etwas kurz im Abgang. Zeigt neben seinem Sauerkirscharoma viel Würze, aber auch schon etwas Oxydation. Fällt schon etwas auseinander. Durfte man angesichts des Jahrgangs eigentlich etwas mehr erwarten.

1986 Château Gloria, Saint-Julien
88
 
Dunkles Rubinrot. In der Nase ein wundervoller Duft nach wilden Brombeeren, dazu etwas Mocca. Am Gaumen jugendlich saftig, aber mit leicht geschmolzene Tannine, harmonisch rund und weich. Im Abgang eher erdig und mineralisch. Ein Musterbeispiel für einen gelungen, wenn auch früh gereiften 86er. Parker hatte 1990 gezweifelt, ob dieser Wein genügend Frucht hat, um jemals den Tanninen paroli bieten zu können. Er hatte und hat! Allerdings lag der Wine Advocate mit seiner Einschätzung der Trinkreife punktgenau richtig: 2002. Allerdings wird der 86er Gloria - gute Lagerung vorausgesetzt - auch noch mindestens weitere fünf bis vielleicht sogar zehn Jahre auf diesem Niveau verharren und damit einmal mehr den Beweis erbringen, dass er eigentlich in die Kategorie der klassifizierten Gewächse gehört.

56 Hektar. 71 % Merlot, 18 % Cabernet franc, 11 % Cabernet sauvignon.

1985 Château Fombrauge, Saint-Emilion Grand Cru
86
 
Eine eher granatrote, aber dunkle Farbe. In der Nase Karamell- und Vanillenoten, rote Frucht, Eichenwürze, auch etwas Rauch und Speck. Am Gaumen süss, malzig, eine schöne reife Fülle. Mit diesem Jahrgang, der zu seiner Zeit zu übertrieben hohen Preisen auf den Markt kam, stand ich von Anfang an auf Kriegsfuss und habe mich über ihn oft mit guten (Wein)freunden gezankt. Deshalb hat mich dieser Wein besonders überrascht. Zugetraut hätte ich ihm diesen Charme und diese Beständiugkeit nicht.

1982 Château Prieuré Lichine, Margaux 4ème Cru Classé
83
 
(Magnum) Granatrot. Sehr verhaltene Nase mit einer feinen Würze (Kümmel) über roter Frucht . Am Gaumen etwas dünn, aber gut balanciert und wegen seiner geschmeidigen süssen Art angenehm zu trinken. Kurz im Abgang. Für den Giganten-Jahrgang 1982 allerdings ein eher schwacher Vertreter. Andererseits weit entfernt von Parkers vernichtender Kritik, der ihn 1995 zuletzt mit 74 Punkten bewertete.

1978 Château La Dominique, Saint-Emilion Grand Cru Classé
86
 
Granatrot. Ein alles in allem sehr feiner, eleganter Wein. In der Nase erstaunlich frisch, feine Würze, etwas Minze. Dürfte im Augenblick wohl optimal zu trinken sein, schöne Süsse.

1975 Château Brane Cantenac, Margaux 2ème Cru Classé
84
 
(Magnum) Dunkles Granatrot. In der nase eine schöne Kompottsüsse. Am Gaumen erstaunlich dicht. Sehr kantig, gut Säure, wuchtig nund markant, aber dann merkwüdig kurz im Abgang.

1964 Château Haut Batailley, Pauillac 5ème Cru Classé
85
 
Granatrot. In der Nase rote Frucht, etwas erdig, Unterholz, später auch etwas Buttercreme, vanille und Bienenstich. Schöne süsse Art am Gaumen, aber schon sehr zart und im Abgang recht kurz.

1961 Château Ripeau, Saint-Emilion Grand Cru Classé
85
 
Granatrot. In der Nase ein feiner Cassiston. Insgesamt eine erstaunliche Frische, wenn auch in der Statur sehr zart und von einer fast fragilen Eleganz. Der Weinberg dieses Château liegt in unmittelbarer Nachbarschaft von Cheval blanc und Figeac. Dennoch ist es ein absoluter No Name. Hier ging die Formel "Grosses Jahr + kleines Gewächs = feiner Wein" voll und ganz auf.

1959 Château Gazin, Pomerol A.C.
91
 
Auf diesen Wein trifft der alter Kellner-Jargon "wird immer wieder gern genommen" voll und ganz zu. Genau wie beim 61er Gazin. Dieses Gut in Pomerol - Nachbar von Pétrus und L`Evangile - hatte in diesen Jahren eine absolute Hochblüte. Danach erreichte es eigentlich erst wieder ab 1989/90 ein ähnlich hohes Niveau. Der Wein entzückte schon mit seinem Bukett voll mit Schokolade, Nuss, Nougat, dunkler, komnzentrierter und geheimnisvoller Frucht. Er zeigte am Gaumen Süsse, Fülle, Würze und exotische Nuancen Richtung Mandeln und türkischer Honig. Langer Abgang.

1945 Château Mouton d´Armaillac, Pauillac 5ème Cru Classé
88
 
Drei ganz unterschiedliche Flaschen dieses Weins, der eine zeitlang unter Mouton-Baronne-Philippe firmierte und heute Château d´Armailhac heisst. Der Inhalt der einen war stark gezehrt und oxydiert, die beiden anderen Weine befanden sich in gutem Zustand. Der Wein aus den beiden intakten Flaschen zeigte eine granatrote Farbe, das Bukett war geprägt von einem zarten, schon leicht dekadenten Apothekenkräuter und Bitterkräuterduft, auch noch ein Hauch von Minze. Am Gaumen zeigte er sich sehr zart in seiner Struktur, elegant und süss.

 

 

 

 

e-Mail: info@degustation.de

Copyright © 2002 - 2010 Verlags- und Redaktionsbüro Mario Scheuermann
Mittelweg 30, D-20148 Hamburg. All rights reserved.

Datum der letzten Aktualisierung: 10.03.2010